Der Fall rund um Collien Fernandes sorgt aktuell für intensive Diskussionen – nicht nur wegen der Vorwürfe selbst, sondern auch wegen der zeitlichen Einordnung. In sozialen Netzwerken wird vielfach behauptet, die Moderatorin habe ein Jahrzehnt geschwiegen und sich erst jetzt zu Wort gemeldet.
Ein Blick auf ihre Aussagen zeigt jedoch ein differenzierteres Bild.
Fernandes betont beispielsweise im Interview mit der "Tagesschau", dass sie sich nicht erst seit Kurzem mit dem Thema an die Öffentlichkeit wendet. Vielmehr habe sie bereits seit Jahren über ihre Erfahrungen gesprochen und diese auch zur Anzeige gebracht.
Entscheidend ist dabei der Punkt: Nach ihren Schilderungen habe sie erst Jahre nach den mutmaßlichen Taten überhaupt von den Deepfake-Inhalten erfahren. Erst ab diesem Zeitpunkt konnte sie entsprechend reagieren. Sie machte dazu in den letzten Jahren auch eine Doku-Reihe gemeinsam mit dem ZDF, in der sie versucht hatte, dem Täter auf die Spur zu kommen und über digitale Gewalt aufzuklären.
Das bedeutet: Ein früheres Einschreiten sei aus ihrer Sicht schlicht nicht möglich gewesen, da ihr die Inhalte zuvor nicht bekannt gewesen seien.
Was sich nun verändert hat, ist ein zentraler Aspekt des Falls: Fernandes gibt an, mittlerweile endlich zu wissen, wer hinter den Fake-Profilen gesteckt haben soll. Diese Information erst kürzlich ans Licht gekommen.
Dass es sich dabei laut ihrer Darstellung um ihren Ex-Mann handeln soll, ist also eine neue Entwicklung – nicht der Beginn ihrer Auseinandersetzung mit dem Fall. Eine Wende, gegen die sie selbst ebenfalls gleich vorgegangen sein soll: Es folgte die Trennung und erneut eine Anzeige.
Du oder jemand, den du kennst, benötigt Hilfe in Bezug auf psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt?
Hier findest du sie:
Frauenhelpline (rund um die Uhr, kostenlos): 0800 222 555
Männernotruf (rund um die Uhr, kostenlos): 0800 246 247
Rat auf Draht: 147
Autonome Frauenhäuser: 01/ 544 08 20
Gewaltschutzzentren: +43 1 585 32 88
Weisser Ring: 0800 112 112
TelefonSeelsorge – Notruf 142 (täglich 0-24 Uhr)
Der Vorwurf, sie habe sich erst jetzt geäußert, dürfte vor allem daher rühren, dass die mutmaßliche Täterschaft erst jetzt öffentlich thematisiert wird, dass der Fall aktuell eine neue mediale Dynamik bekommt und dass viele frühere Aussagen oder Anzeigen weniger breite Aufmerksamkeit erhalten haben.
So entsteht leicht der Eindruck eines späten Schritts, obwohl die Betroffene laut eigener Aussage schon länger gegen die Inhalte vorgeht.
Grundsätzlich gilt: Bei sensiblen Vorwürfen dieser Art ist zwischen Vorwürfen, Aussagen und bewiesenen Fakten klar zu unterscheiden.
Die von Fernandes geschilderten Vorgänge sind Teil eines laufenden beziehungsweise rechtlich komplexen Sachverhalts. Eine abschließende rechtliche Bewertung steht nicht öffentlich fest. Für alle Beteiligten gilt daher die Unschuldsvermutung.
Die oft verbreitete Darstellung, Collien Fernandes habe "zehn Jahre geschwiegen", lässt einen entscheidenden Teil der Geschichte aus: Laut ihrer Darstellung erfuhr sie erst später von den Inhalten. Sie habe ab diesem Zeitpunkt gehandelt und Anzeige erstattet. Die Identität des mutmaßlichen Täters sei wiederum erst deutlich später bekannt geworden.