Österreich

Landarzt rechnet mit dem Gesundheitssystem ab

Heute Redaktion
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Bürokratie, Gesundheitswesen ohne Herz und Hausverstand: Für Dr. Günther Loewit, Landarzt in Marchegg, krankt das Gesundheitssystem an vielen Stellen.

Ausufernde Bürokratie und groteske Schildbürgerstreiche: Günther Loewit, seit 30 Jahren Landarzt in Marchegg (Bezirk Gänserndorf), reicht es. In seinem neuen Buch mit dem Titel "7 Milliarden für nichts" will er aufzeigen, was alles schief läuft im Gesundheitssystem.

"Es geht um Gewinnmaximierung, um Umsatz und Zahlen, aber es geht nicht mehr um das Wohl des einzelnen Menschen", so Loewit. "Patienten werden zunehmend zu Konsumenten und Behandlung wird zu einem Produkt."

Wären 7 Milliarden Euro zum Einsparen?

Sein Hauptkritikpunkt: Das moderne Gesundheitssystem verdränge die Landärzte. "Die diversen Institutionen des Gesundheitssystems machen mehr Geld, wenn Rettungsstellen Patienten ohne Interventionen eines Landarztes direkt ins Krankenhaus bringen", sagt Loewit. "Doch das verbessert die Behandlungserfolge nicht, sondern steigert nur die Kosten für die Steuerzahler."

Sieben Milliarden Euro ließen sich laut Loewits Einschätzung einsparen, wenn man zurück zum Hausverstand kehre. Deshalb auch der Titel seines Buches.

Ein groteskes Beispiel, das Loewit aufzeigt: Ein Krankenhaus, an das ein Altenheim angeschlossen ist. Obwohl beide Einrichtungen mit einem Gang verbunden sind, würden Sanitäter die Bewohner des Altenheimes nach einem Unfall nicht einfach durch die Tur ins Krankenhaus begleiten. Sie fahren mit ihnen eine Runde im Rettungswagen und halten dann vor einer anderen Tur des gleichen Gebäudes. Grund sei die Burokratie: Die Krankenkasse komme fur Rettungseinsätze nur auf, wenn Patienten einen Ortswechsel im Krankenwagen vornehmen. Loewit: "Die zusätzlichen Strapazen fur die Patienten sind dabei kein Thema."

Eine weitere Folge der Verdrängung von Landärzten durch eine entfesselte Gesundheitsindustrie sei die Pervertierung von Alter und Tod. "Beides sind keine naturlichen Phänomene mehr, sondern medizinische Diagnosen, die um jeden Preis medikamentös zu behandeln sind", so Loewit. "Diese Industrie verschreibt zum Beispiel gegen ganz normale Alterserscheinungen Medikamente, die sich teilweise gegenseitig unwirksam machen – und dann zusätzliche Medikamente gegen die Zustände, die nur durch Medikamente entstanden sind."

Dabei werde ständig unnötige Angst geschurt, indem jede banalste Abweichung von der Norm als Krankheit eingestuft werde.

Treffen mit Anschober am Freitag

Loewit fordert deshalb die neues Bundesregierung auf, einen Punkt ihres Regierungsprogrammes jedenfalls umzusetzen: Hausärzte sollen aufgewertet werden, heißt es darin. Doch das sei nicht genug: "Hausärzte mussen auch eine bessere Ausbildung bekommen und den Fachärzten gleichgestellt werden. Ein Hausarzt kennt seine Patienten noch persönlich. Er kennt ihre Gewohnheiten und sie vertrauen ihm. Deshalb kann er oft punktgenaue Diagnosen ohne strapaziöse und kostspielige Untersuchungen stellen."

Kontakt mit der Bundesregierung hat Loewit schon aufgenommen: "Dass er uns zwei Stunden lang zuhört", antwortete er kürzlich in einem Fernseh-Beitrag auf die Frage, was er sich vom Gesundheitsminister wünschen würde. Rudolf Anschober (Grüne) antwortete prompt. Am kommenden Freitag trifft er den kritischen Arzt und einen weiteren Mediziner zur Unterredung.

Für Loewit steht fest: "Die Medizin verliert ihren wichtigsten Untersuchungsgegenstand aus den Augen: den Menschen."

Dr. Günther Loewit wurde 1958 in Innsbruck geboren, lebt und arbeitet als Allgemeinmediziner in Marchegg. Er engagierte sich viele Jahre lang als Ärztekammerrat, als Laienrichter am Arbeits- und Sozialgericht und ist Vorsitzender des Schlichtungsausschusses der Ärztekammer. Er publizierte unter anderem zu medizinischen und medizinphilosophischen Themen in Ärztezeitschriften. In der "edition a" erschien nun sein Werk "7 Milliarden für nichts. Ein Landarzt rechnet mit dem Gesundheitssystem ab."