Helle Begeisterung für "Die dunkelste Stunde"

Gary Oldman wird zu Winston Churchill - und meldet sich schon mal für einen Oscar an.

Drei Dinge sind unerlässlich, um ein fesselndes Biopic auf die Beine zu stellen. Erstens: etwaige Ambitionen, das Lebenswerk einer Person im Rahmen eines zeitlich naturgemäß stark eingeschränkten Kinofilms zur Gänze abzudecken, müssen ignoriert werden. Ein gutes Biopic konzentriert sich auf einen Schlüsselmoment, auf eine Phase im Leben seiner Hauptfigur. Zweitens: Biopics sind Fiktion, erheben jedoch automatisch den Anspruch einer (vermeintlich) dokumentarischen Wiedergabe historischer Ereignisse. Es gilt die richtigen Stellen auszuloten, an denen Lücken gefüllt, Kanten geglättet und Fakten gebeugt werden. Kurz gesagt: Biopics müssen sowohl den Historiker, als auch den Filmkritiker überzeugen. Drittens: Der perfekte Hauptdarsteller muss gefunden werden.

Ein weiteres Denkmal für die Legende

Joe Wrights "Die dunkelste Stunde" (Originaltitel: "Darkest Hour") erfüllt diese Kriterien mit Bravour. Die Filmbiografie, deren Handlung zur Gänze im Mai 1940 spielt, handelt vom legendären britischen Staatsmann Winston Churchill und den turbulenten ersten Wochen seiner Ära als Premierminister. Hitlers Wehrmacht fällt gerade über Frankreich her und droht, die gesamte britische Armee, eingekesselt am Strand von Dünkirchen, mit einem einzigen Schlag zu vernichten. Während Außenminister Halifax auf Verhandlungen mit Hitler pocht, beharrt Churchill unerbittlich darauf, sich nicht mit dem größenwahnsinnigen Diktator zu arrangieren.

Grummelnd, aneckend, Scotch trinkend und redenschwingend wird Churchill im Film zu der Legende, die er (nicht nur für die Briten) auch heute noch ist. Gary Oldman verkörpert den Politiker grandios - die Sagengestalt, zu der dieser in den letzten 70 Jahren geworden ist, spielt er schlichtweg atemberaubend (das dürfte sie endlich sein, Oldmans Oscar-Rolle). Kristin Scott Thomas (als Churchills Frau Clementine) und Ben Mendelsohn (als King George VI, man erinnere sich an "The King's Speech") verdienen ebenfalls Applaus.

Ego, Charisma, Volksnähe

Auch das Timing des Biopics ist hervorragend. Sieht man sich die Spitzenpolitiker rund um den Globus an, die aktuell das Sagen haben, genießt man den Mythos jenes Staatsmanns gern, der nicht nur als personifiziertes Charisma gilt, sondern auch unumstößlich mit dem hehren (!) Kampf gegen Unterdrückung und Tyrannei assoziiert wird.

Gnädigerweise überstrapaziert "Die dunkelste Stunde" das "Gut gegen Böse"-Element aber nicht. Churchills Ego bekommt seinen Platz, und seine unpopulären Entscheidungen werden nicht unter den Tisch gekehrt.

Einzig und allein eine Szene dämpft die hohe Qualität des Films ein wenig: Als Churchill Volksnähe demonstriert und britische Durchschnittsbürger nach ihrer Meinung fragt. Hier gewinnt Hollywood kurz die Oberhand. Davon abgesehen ist "Die dunkelste Stunde" eines der besten Biopics der letzten zwanzig Jahre; ein absolutes Must-see.

"Die dunkelste Stunde" startet am 11. Jänner 2018 in den österreichischen Kinos.

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