"Heute" auf "Grusel-Tour" durch Wiens Stadtgeschichte

Am 31. Oktober ist Halloween: "Heute" hat vorab eine Tour durch Wiens Geschichte unternommen. Und Orte mit gewissem Gruselfaktor besucht.

Um Wien ranken sich zahlreiche Sagen und Legenden. Viele davon spielen im Wiener Untergrund. So soll etwa zu Beginn des 13. Jahrhunderts in einem Brunnen in der Schönlaterngasse (City) der schreckliche Basilisk sein Unwesen getrieben haben. Tief unter der Turmstube im Stephansdom (City) soll der Tod gekegelt haben und in einem unterirdischen See unter der Heiligenstädter Pfarrkirche (Döbling) sollen schwarze Fische mit feurigen Augen schwimmen.

Doch es gibt auch Keller, in denen sich tatsächlich Schreckliches ereignet hat – oder haben könnte. Wenige Tage vor Halloween begab sich "Heute"mit dem "Forscherteam Wiener Unterwelten" auf die Spuren dieser "Gruselkeller" und besuchte den "verlorenen Friedhof am Wien-Fluss".

Seit Jahren sind der studierte Historiker und Archäologe Marcello La Speranza und sein Partner Lukas Arnold als Forscher im Untergrund Wiens unterwegs, um Historisches zu erkunden und zu dokumentieren. "Vieles kann durch Bauarbeiten oder Sanierungen sehr schnell weg sein", erklärt Marcello. Da sich im Untergrund der Stadt aber viele Spuren und Relikte der Geschichte Wiens finden, gehe es darum, diese so gut wie möglich zu erhalten. 

Der "verlorene Friedhof am Wien-Fluss"

Die erste Station unserer Halloween-Tour führt zum Wien-Fluss. Jene, die hier spazieren gehen, joggen oder Radfahren, ahnen wohl kaum, dass sie dicht an den Überbleibseln eines historischen Friedhofs vorbei kommen. Zwischen Brauhausbrücke und Hütteldorfer Brücke (Penzing) finden sich in der Uferbefestigung zahlreiche alte Grabsteine. Wo diese ursprünglich herkommen und wie lange sie schon hier sind, ist nicht bekannt. "Weder die Wiener Bestattung noch die für Gewässer zuständige Magistratsabteilung MA45 weiß, aus wann die Grabsteine eingemauert sind", erklärt Marcello. "Die Grabsteine haben verschiedene Größen, manche wurden offenbar auch zugeschnitten. Schon interessant, wie sie hier am Wien-Fluss ihre letzte Ruhe gefunden haben", ergänzt Lukas.

Grabsteine der Jahrhundertwende als "billiges" Baumaterial

Er vermutet, dass die Grabsteine in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg als billiges Baumaterial hierher kamen. Auf einigen Grabsteinen sind noch Namen zu lesen, etwa der von Franz Hauer, der am 13. März 1878 geboren wurde. "Man sieht nur jene Grabsteine, die mit der Inschrift nach oben verbaut wurden. Wenn man genau hinschaut, erkennt man aber viele weitere mehr", so Lukas. "Heute" schaute genau und fand dabei sogar einen Grabstein, den Marcello und Lukas noch nicht kannten. Fast versteckt unter Gras ist hier noch "Ruhe ihrer Asche" zu lesen. 

Schwangere Nonnen wurden am Laurenzerberg in den Keller geworfen

In der Wiener Innenstadt begeben wir uns erstmals auf unserer Tour unter die Erde: Nahe des heutigen Schwedenplatzes wurde Ende des 13. Jahrhundert das "Kloster der frommen Frauen" gegründet. Abgeleitet von ihren Namen, den Laurenzinerinnen, heißt die Straße bis heute Laurenzerberg 2.1784 wurde das Kloster unter Joseph II. wegen Vergehen der Nonnen aufgelöst. So sollen diese ungewässerten Wein getrunken haben. Zudem sollen sie sich mit "liederlichen Studenten" abgegeben haben.

Tief unten, im 4. Kellergeschoss ist bis heute ein Schacht zu sehen, der aus dem Innenhof hierher führt. Hier wurden Nonnen, die straffällig – oder schwanger – wurden, in das Verlies hinabgestoßen. Hier sollen Nonnen auch ihre Babys zur Welt gebracht haben, viele seien dann gestorben. Da ungetaufte Kinder nicht in geweihter Erde begraben werden durften, wurden sie im Keller verscharrt. Nachgewiesen ist das für das Laurenzinerinnen-Kloster zwar nicht, aber im Keller des ehemaligen Klosters in der Annagasse sollen tatsächlich Babyskelette gefunden worden sein, erklärt Buchautorin und Stadtführerin Gabriele Lukacs. 

Eingeritztes Tatzenkreuz als Hinweis auf die Tempelritter

Dass die Nonnen schwanger wurden, könnte mit dem unterirdischen Wegenetz zusammenhängen. "Das Gebäude wird von vier Straßenzügen umschlossen, dem Fleischmarkt, dem Laurenzerberg, dem Auwinkel und der Postgasse. Von dort führen die Verbindungsgänge zum Dominikanerkloster, zum ehemaligen Studentenviertel der alten Universität (der heutigen Akademie der Wissenschaften) und vermutlich sogar bis zum Stephansdom", erklärt Lukacs.

Auch die Tempelritter, die eine Verbindung zu einem nahegelegenen Zisterzienserkloster hatten, könnten durch die unterirdischen Gänge gegangen sein. Ein Hinweis darauf ist ein Steinquader inmitten der Ziegelgewölbe. Wer genau schaut, entdeckt hier ein Tatzenkreuz, das mit den Mönchsrittern assoziiert wird. 

Heute ist die ehemalige Krypta ein beliebter Partykeller. Der "Wiener Keller" ist nur für Clubmitglieder und deren Freunden zugänglich. Die Einschreibgebühr beläuft sich auf 3.000 Euro, pro Jahr ist ein Mitgliedsbeitrag von 1.000 Euro zu bezahlen. Dafür darf man, da wo früher die Nonnen ihre Vorräte aufbewahrten, nun Getränke einlagern und durch die unterirdischen Gänge gehen. Nach ein paar Metern ist aber Schluss, seit dem Zweiten Weltkrieg wurden immer mehr Gänge zu den Nachbarshäusern zugemauert, erklärt Lukacs.

Erhalten sind noch die Greifschienen: Einbuchtungen in den Ziegelwänden machten das Passieren der Gänge auch bei Dunkelheit möglich. Knickte die Greifschiene nach unten ab, hieß das, hier ist eine Stufe.

Ein verstorbener Baron und das Rätsel um eine Steinwanne

Der dritte und letzte Besuch unserer Halloween-Tour führt uns in die Johannesgasse 15. 1688 wurde hier durch Maria Theresia, der Witwe von Thomas Emanuel von Savoyen-Carignan (ein Neffe Prinz Eugens) das Savoysche Damenstift gegründet. 

Im prunkvollen Palais lebten einst adlige Damen. Im Zweiten Weltkrieg fungierte der Keller – wie viele andere auch – als Schutzort vor Bombenangriffen. Noch heute sind in den weitverzweigten Gewölben Steinbänke zu sehen. Im April 1945 erreichte die Rote Armee die Wiener Innenstadt, erklärt Marcello. Als die Russen den Keller in Besitz nahmen, soll es zu der einen oder anderen Tragödie gekommen sein. So soll ein Baron wie im Keller verstorben sein, er wurde Erzählungen nach später im Innenhof des Damenstiftes beerdigt und in der Nachkriegszeit exhumiert.

Für Rätsel sorgt eine massive Steinwanne in einem Gang. Marcello und Lukas schließen sie aufgrund der engen Verhältnisse als Tränke oder Futtertrog für Pferde aus. Die Wanne ist gefüllt von Schutt, was sich darunter befindet weiß niemand. "Vielleicht der Baron", schmunzelt Lukas.

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