"Heute"-Redakteurin über Grapschen in der Medienbranche

"Heute"-Redakteurin Sandra Kartik über "#MeToo" in den Medien
"Heute"-Redakteurin Sandra Kartik über "#MeToo" in den Medienprivat/iStock ("Heute"-Montage)
Ein aktueller #MeToo-Fall in den Medien, über den der "Standard" berichtete, beleuchtet die dunkle Seite der Macht. Ein Kommentar von Sandra Kartik.

Anzügliche Bemerkungen, die vorgesetzte Hand ungewollt am eigenen Körper. Eine Moderatorin hat das erlebt und noch viel mehr. Sie wehrte sich dagegen und verlor ihren Job. Am Mittwoch stand sie vor Gericht.
Ihr ehemaliger Chef, ein österreichischer Medienunternehmer, "will erwirken, dass sie ihre Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen ihn unterlässt", berichtet der "Standard". Die Ansagerin wehrt sich indes in einem anderen Verfahren gegen ihre Kündigung.

Begrapscht und entlassen

"Während eines Fotoshootings im Jahr 2019 für die bevorstehende EU-Wahl" soll sie von ihrem Chef begrapscht worden sein, so der Vorwurf. Zuvor soll der Medienmacher sie bei einem Abendessen zu zweit sexuell belästigt und bedrängt haben. Dieser bestreitet dies vehement, es gilt die Unschuldsvermutung.

Beim Prozess-Auftakt wurde vom Anwalt des Medienunternehmers erst erfolglos versucht, die Öffentlichkeit auszuschließen. Danach kamen Stimmen zu Wort, die aus einem mutigen MeToo-Opfer eine berechnende Karrierefrau zeichnen wollten. Der Medienunternehmer "sieht einen 'Racheakt' für eine abgelehnte Forderung nach Gehaltserhöhung."
Eine Vorgesetzte, an die sich die TV-Moderatorin nach dem Übergriff wandte, stärkt ihm den Rücken: Die belästigte Mitarbeiterin "zeigte einen Ehrgeiz, wie ich ihn selten wo erlebt habe". Die Leiterin habe den Vorfall als "wirklich unnötiges Problem" empfunden.

Selbst die Richterin nahm das Opfer nicht ernst. Sie fiel der jungen Frau ins Wort, als diese in Tränen ausbrach und fragte, warum sie denn nicht gekündigt hätte. Als die Angeklagte von ihrem Traum sprach, selbst zu moderieren, erwiderte die Richterin: "Ich glaube, Sie träumen von warmen Eislutschern." Eine weitere Zeugin, ebenfalls Moderatorin, erklärte, "sie könnte in der Branche nicht mehr arbeiten, wenn sie jeden Klaps auf den Po bewerten würde.“ Die mittlerweile auch aus dem Betrieb ausgeschiedene TV-Kollegin betonte, bei ihr sei "dies aber 'spaßhalber' und ohne sexuelles Motiv geschehen. Den Vorfall beim Shooting habe sie nicht gesehen, wie keiner der Zeugen".

Und genau hier liegt das Problem: Solange ausgerechnet Frauen es als normal und "part of the game" ansehen, mit sexuellen Avancen im Job umgehen und sie sogar erdulden zu müssen, wird es immer so weitergehen. Nicht jeder schmutzige Witz ist eine Belästigung, aber auch nicht jeder ist harmlos, sondern bisweilen sehr ernst.

Abgelehnt und belächelt

Gerade als Anfängerin ist man oft leichte Beute von mächtigen Männern, die glauben, sich alles herausnehmen zu können und den Spieß danach sogar umdrehen. Als junge Redakteurin sollte ich vor Jahren auf einem Event mit einem Vorgesetzten ein Soletti teilen, von Mund zu Mund. Ich wollte das nicht und habe freundlich, aber bestimmt abgelehnt. Fortan wurde ich von ihm "Soletti“ gerufen. Ich habe ihn nie gemeldet.

Prozess bringt einen (Wein-)Stein ins Rollen

Heute lerne ich von meinen jüngeren Kolleginnen, die nicht mehr schweigen wollen und damit einen weiteren (Wein-)Stein ins Rollen bringen. Nach den Aussagen der Angeklagten gegen ihren Ex-Chef sind beim Betriebsrat des Medienunternehmens nun "zahlreiche Beschwerden ähnlich jener der Moderatorin von Kolleginnen aufgenommen worden".

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Diskriminierung#MeToo

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