Ukraine

"Höchst ungewöhnlich" – Ex-Agent über Putin verblüfft

Früher überwachte James für das Militär und den Geheimdienst die Aktivitäten der russischen Ostseeflotte. Heute tut er es privat – und staunt.
04.05.2023, 18:25
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Nach den Explosionen an den Nord-Stream-Pipelines am 26. September 2022 war lange Zeit überhaupt nicht klar, wer für die Sabotage verantwortlich sein könnte. Trotzdem hagelte es auch vom Westen, aber vor allem von verschiedensten russischen Offiziellen Anschuldigungen gegen diverse Akteure. Ein US-Journalist sorgte mit seiner Behauptung, dass die CIA für die Sabotage verantwortlich sei, zeitweise weltweit für Aufsehen – Belege für seine Geschichte fehlen aber bis heute. Zur selben Zeit begann ein Brite, nachfolgend James genannt, von ihm aufgezeichnete Daten auszuwerten.

"Extrem ungewöhnliche Aktivitäten"

Er hatte "extrem ungewöhnliche" Aktivitäten zweier russischer Schiffe östlich der dänischen Insel Bornholm aufgezeichnet, ganz in der Nähe der Orte, an denen es später zu den Explosionen kam, berichtet der "Spiegel". Sie hatten ihr automatisches Identifikationssystem (AIS) ausgeschaltet und konnten somit mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr geortet werden – in diesem Zustand spricht man von "Dark Ships". Laut den in größeren Abständen gesendeten Positionsdaten hielten sie sich nachweislich höchstens wenige Kilometer, wahrscheinlich aber sogar noch viel näher, von den späteren Explosionsorten auf.

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

James ist Rentner und beobachtet mithilfe von Funktechnik und anderen offenen Informationskanälen die russische Ostseeflotte. Der Rentner tut dies, "um seine Tage zu füllen" und weil es ihn fasziniert, was mittels offen zugänglicher Quellen alles herausgefunden werden kann. Eigentlich heißt der Mann anders, möchte in den Medien jedoch anonym bleiben. Die Erkenntnisse, über die er berichtet, könnten "ihn und seine Arbeit gefährden".

In der dreiteiligen Dokumentationsserie "Schattenkrieg" erzählt er von seiner Freizeitbeschäftigung, die russische Marine auszuspionieren. Die wird über drei öffentlich-rechtliche Sender in Skandinavien gesendet. Demnach habe er im Frühsommer 2022 erstmals "verdächtige Schiffsbewegungen" festgestellt. 

Mehrere Szenarien denkbar

Der pensionierte Geheimdienstangestellte bezeichnete zum Beispiel die Sichtung des Forschungsschiffes "Sibirjakow" als "höchst ungewöhnlich". Dieses habe zuvor in einem anderen Teil der Ostsee einen Auftrag gehabt, dann habe sich aber die russische Kontaktstelle geändert, die anschließend auch Befehle erteilt habe.

Die "Sibirjakow" habe Mitte Juni mehrfach Positionen in der Nähe der späteren Explosionsorte erreicht, an denen sich bereits das erste "Dark Ship" eine Woche zuvor aufgehalten hatte. Dann machte sie kehrt, kam aber am nächsten Tag nochmals zurück. Auch der Marineexperte Sutton bezeichnet diesen Kurs als "ungewöhnlich und sehr verdächtig", denn das Schiff operiere in diesem Gebiet im Normalfall gar nicht.

Die russische Regierung äusserte sich auf Anfrage vom "Spiegel" nicht dazu, weshalb sich die Schiffe dort aufhielten. Nach Ansicht von James wären mehrere Szenarien denkbar: eine konkrete Tatvorbereitung, eine allgemeine Aufklärungsmission der Infrastruktur oder ein Test, ob und wie Dänemark und Schweden auf die russische Präsenz vor Bornholm reagieren würden.

"Starke und wertvolle neue Informationen"

Die Aufzeichnungen belegen neben den auffälligen Bewegungen mehrerer Dark Ships vor allem eine erhebliche Ausweitung mutmaßlicher russischer Spionageaktivitäten in der Ostsee. Demnach nimmt Russland verstärkt potenzielle strategische Angriffsziele wie Offshore-Windparks und wichtige Internet-Seekabel ins Visier. Dies, um möglicherweise im Falle einer Ausweitung des Konflikts mit dem Westen sensible Infrastruktur attackieren zu können.

Namhafte Fachleute halten die Angaben von James laut dem "Spiegel" für authentisch. Der britische Marineexperte und Autor H.I. Sutton halte die Erkenntnisse für "starke und wertvolle neue Informationen".

Die neuen Daten von James passen jedenfalls auch zu Recherchen des Nachrichtenportals T-Online. Wie das Portal im März berichtete, hielten sich wenige Tage vor den Explosionen im September weitere russische Schiffe mit Unterwasserausrüstung im Seegebiet um die Explosionsorte auf.

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