Ich habe einen speziellen Kartent(r)ick

Bild: Helmut Graf

Ich schreibe mir seit meiner Studienzeit von jeder Reise eine Postkarte und freue mich, wenn ich sie nach meiner Rückkehr in Händen halte. Inzwischen hat sich eine Art postalisches Tagebuch angesammelt, und ich lese gerne in meiner Sammlung.

Mit diesem für manche etwas seltsamen Hobby bin ich immer weniger allein. Die Postkarte erlebt in Zeiten hektischer Kommunikation und allgegenwärtiger Erreichbarkeit ein Comeback. Viele – auch junge – Menschen erfreuen sich wieder daran, dass ihre Lieben sich die Mühe machen, eine hübsche Postkarte zu kaufen, sie mit einer Botschaft oder auch nur Grüßen in persönlicher Handschrift zu versehen, um sie dann frankiert zu einem Postkasten oder gar bis zur Post zu bringen.

Die Postkarte ist über 150 Jahre alt und hat ihren Charakter bewahrt. Als eine offen lesbare Botschaft wurde ihre Einführung anfangs wegen sittlicher und auch politischer Bedenken abgelehnt. Erstmals erlebte sie im deutsch-französischen Krieg 1870/71 Hochkonjunktur. Sie wurde zu Propagandazwecken missbraucht ("Jedem Russ ein Schuss"), in den Wirtschaftswunderjahren waren Postkarten aus exotischen Urlaubsdestinationen, die damals Italien und Spanien hießen, Beweis des (eigenen) wirtschaftlichen Erfolgs. Wer nicht reisen konnte, bat Freunde, vorgeschriebene Karten aufzugeben, um den Anschein von Wohlstand zu wahren.

Heute zahlen Sammler Höchstpreise. Die teuerste Postkarte der Welt aus 1840 versteigerte ein Londoner Auktionshaus für 31.000 Pfund. Mail Art, die Kunst auf und um die Postkarte, entstand in den 70er-Jahren, und Starkünstler wie Ben Vautier oder Wolf Vostell machten ihre Post zum Kult. Hoch lebe die Kunst.

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