Wien

Im "Café Memory" kommen die Erinnerungen wieder zurück

Ein neues Demenzprojekt der Evangelischen Kirche Wien hilft Erkrankten und Angehörigen gleichermaßen. Ein Betroffener erzählt.
Yvonne Mresch
03.08.2022, 17:16
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"Es begann vor etwa 13 Jahren. Wir hatten ein Musikverein-Treffen, doch unsere Mutter war am falschen Ort. Sie kam einfach nicht", erinnert sich Hans (72) an die ersten Anzeichen. "Dann flatterten plötzlich Mahnungen ins Haus, weil sie die Miete nicht mehr zahlte und in der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr. Im Schrank traf eine Jacke auf die nächste – sie kaufte ein und vergaß kurz danach darauf." Nach einem Sturz auf der Straße und einem Polizeieinsatz stand die Diagnose fest: Hans' Mutter leidet an Demenz.

Auszeit vom Alltag

Seitdem sind viele Jahre vergangen, die heute 96-jährige Margot wird immer noch liebevoll von ihren drei Kindern betreut. So schlimm die Erkrankung für Betroffene ist – nicht minder anstrengend kann sie für Angehörige sein. Vielen geben das nicht zu und noch immer ist das Thema schambehaftet. Die Evangelische Kirche Wien startete nun ein neues Projekt. Im "Café Memory" erleben Betroffene und Angehörige gleichermaßen eine Auszeit vom Alltag.

In der Pauluskirche (Landstraße) und der Johanneskirche (Liesing) finden die 14-tägigen Treffen statt. Gestartet wird mit einer gemeinsamen Runde Kaffee, Kuchen und Tratsch. Danach haben Angehörige im Nebenraum Gelegenheit zum Austausch, während die Betroffenen von ausgebildeten Trainern betreut werden. Mithilfe von Ballspielen, Musikeinlagen und Geschichten wird so die Erinnerung bei manchen wieder hervorgeholt. Vor allem aber geht es um den Spaß.

Musikalische Erinnerungen 

Auch Margot ist seit Jahren eifrige Teilnehmerin der Gruppe. Am meisten angetan hat es ihr die Musik. Bei den wohl bekannten Klängen blüht die ehemalige Pianistin auf. "Solange sich ein Mensch für etwas interessiert, sollte man es tun und Angebote wahrnehmen", appelliert ihr Sohn. Das "Café Memory" habe seiner Mutter geholfen und die Abwechslung würde ihr gut tun, freut sich Hans. Was er seiner Mutter wünscht? Darauf hat er nur eine Antwort: "Zeit!"

Wer sich für das "Café Memory" interessiert, als Betroffener oder Angehöriger teilnehmen oder vielleicht sogar mithelfen möchte, kann sich unter www.evang-wien.at über das Projekt informieren.

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