Innerhalb von kurzer Zeit habe sich der Anteil der Frauen verdoppelt, die neben dem Training im Fitnessstudio Steroide nähmen – sagt Sportmediziner Roman Gähwiler und bezieht sich dabei auf internationale Studien. Im Interview mit der "Aargauer Zeitung" warnt er: Die Langzeitfolgen seien bei Frauen gravierender als bei Männern.
Zwar würden Frauen eher auf anabole Steroide setzen, die im Körper nur kurz wirksam seien und rasch ausgeschieden würden. Erste Wirkungen seien aber schon nach wenigen Tagen bemerkbar, so Gähwiler zu "20 Minuten". "Einige Frauen entwickeln aufgrund der Testosteron-Derivate mehr Lust auf Sex, als sie dies vor der Einnahme von sich gekannt haben. Häufig kommt es auch zu Verkleinerung des Brustgewebes." Je länger die Einnahme der Anabolika, desto gravierender die Folgen. "Einige dieser Nebenwirkungen sind leider häufig nicht mehr rückgängig zu machen. Dies bezieht sich primär auf die Vertiefung der Stimme, aber auch auf die Vermännlichung der Sexualorgane und der Körperbehaarung. Gewisse Substanzen können auch zu Unfruchtbarkeit oder Fehlbildungen des Fötus führen, was logischerweise sehr einschneidende Langzeitfolgen haben kann."
Wie ein Körper auszusehen habe, werde klar durch die sozialen Medien definiert und gepusht, so Gähwiler. "Wobei die Bedeutung des äußerlichen Erscheinungsbildes sowie die Inszenierung des Körpers, beziehungsweise einzelner Körperpartien, teilweise problematische Formen annimmt." Auch, dass Influencer oder Idole ihren Substanzkonsum verleugnen, vermittle vor allem jungen Menschen ein verzerrtes Bild der Realität sowie gesunder Trainingsgrundlagen.
Um die Rolle der sozialen Medien weiß auch Anja Zeidler (27). Die Influencerin gab vor wenigen Jahren zu, selbst Dopingmittel konsumiert zu haben. "Ich selbst bin wegen Instagram in die Sucht der Perfektion gerutscht." Angefangen habe es mit Appetitzüglern im Alter von 17 Jahren, mit 20 Jahren habe sie schon zu illegalen Substanzen in Form von Spritzen und Tabletten gegriffen. Die Mittel will sie bewusst nicht nennen – wegen Nachahmungsgefahr. Sie wisse aber: Auch andere Schweizer Influencerinnen konsumieren solche Mittel – offen darüber sprechen würde aber niemand.
Die Dopingmittel hinterließen auch bei Zeidler Spuren: "Zuerst zeigten sich damals die gewollten körperlichen Veränderungen: weniger Fett, mehr Muskeln. Nicht viel später aber kamen die Nebenwirkungen dazu: unreine Haut, das Ausbleiben meiner Menstruation und eine tiefere Stimme." Auch auf ihre Psyche wirkten sich die Mittel aus: "Ich hatte Aggressionen und machte eine komplette Wesensveränderung durch." Das seien alles Dinge gewesen, die sie als Warnsignale hätte deuten sollen. "Aber ich habe damals einfach viel verdrängt. Ich war krank, süchtig nach Perfektion."
Nach rund einem Jahr Konsum entschied sich Zeidler, die Mittel abzusetzen. "Das Absetzen klappte erst beim dritten Anlauf. Während der Abstinenz kämpfte ich mit Depressionen und Antriebslosigkeit. Mein Körper und meine Psyche brauchten rund eineinhalb Jahre, bis sie wieder ausgeglichen waren." Während des Absetzens habe sie sich auch zum ersten Mal Gedanken über potenzielle Langzeitfolgen gemacht: "Mich beschäftigte vor allem der Gedanke, ob ich jemals Kinder bekommen könnte oder ob ich es mir versaut habe. Zum Glück haben sich mein Geist und mein Körper erholt, und ich bin heute glückliche Mutter einer kerngesunden Tochter."
Laut der Stiftung Antidoping gibt es verschiedene Wege, an Dopingmittel zu kommen. "Am einfachsten ist wohl der Bezug übers Internet, beispielsweise über asiatische Bestellseiten oder andere Webshops, denn der Verkauf von solchen Substanzen ist nicht in allen Ländern verboten. Oder dann über das Darknet", sagt Tobias Baumberger vom Bereich Prävention und Information. Das Problem dabei: Man weiss nie genau, welche Substanzen darin enthalten sind und wie sich diese auf den Körper auswirken. Sportmediziner Roman Gähwiler pflichtet bei: "Leider kommt man online einfach an Dopingmittel – mittels wenigen Klicks im Internet und Bestellung übers Ausland. 90 Prozent dieser Bestellungen werden via Indien und Ostblockstaaten nach Westeuropa geschickt."
Laut Influencerin Anja Zeidler brauche es das Internet nicht einmal: "Im herkömmlichen Fitnesscenter gibt es viele Dealer. Es ist ähnlich wie mit Cannabis: eigentlich verboten, aber praktisch jeder kann easy Zugang dazu haben."