Industrie befürchtet Pleitewelle im Jänner

Georg Knill (47), neuer Präsident der Industriellen-Vereinigung
Georg Knill (47), neuer Präsident der Industriellen-VereinigungIV
Georg Knill warnt gegenüber "Heute" vor den wirtschaftlichen Folgen eines Lockdowns. Er befürchtet, dass Unternehmen in Schwierigkeiten kommen können.

"Heute" : Laut Wifo und IHS geht die Corona-Krise im nächsten Jahr zu Ende. Glauben Sie das auch?

Georg Knill: Bei der Gesundheitskrise ist das dank Impfstoffen und besserer Behandlung möglich. Die wirtschaftliche Krise wird nach unserer Ansicht längere Auswirkungen haben. Nach unseren Prognosen geht die Wirtschaft im Jahr 2020 um 7,6 Prozent zurück, berechnet auf das BIP sind das 30 Milliarden Euro. Die Industrie ist mit acht Milliarden Euro davon betroffen. Vieles spricht dafür, dass wir aus dem Tal der Tränen heraus sind. Aber wir gehen davon aus, dass es rund zwei Jahre dauern wird, bis wir wieder das Niveau von 2019 wieder erreichen.

Banken warnen, dass den Unternehmen jetzt das Eigenkapital ausgeht. Sehen Sie auch diese Gefahr?

Die Bundesregierung hat unmittelbar in der Krise sehr wirkungsvolle Instrumente zur Verfügung gestellt. Aber durch die lange Dauer der Corona-Krise ist es definitiv so, dass Unternehmen in Schwierigkeiten kommen können. Wenn im Jänner, Februar die ganzen Stundungen der Unternehmen fällig werden, ist eine höhere Insolvenz-Gefahr zu erwarten.

Wir würden deshalb einen neuen Beteiligungsfonds mit staatlicher Haftung begrüßen. Privates Geld, das über staatliche Stellen besichert wird, soll Unternehmen die Chance geben, durch diese Krise zu kommen. Der neue Beteilungsfonds soll privat gemanagt werden, üblicherweise durch Kooperation der Banken. Wir sprechen jetzt nicht von Verstaatlichung im alten Sinn. Dieser neue Fonds soll das Eigenkapital stärken. Außerdem wäre hilfreich, wenn die Körperschaftssteuer wie im Regierungsprogramm vorgesehen von 25 auf 21 Prozent gesenkt wird.

Welche Folgen hätte denn ein neuer Lockdown?

Wirtschaftlich ist ein neuer Lockdown nicht mehr zu verkraften, und zwar über alle Branchen. Er würde sich noch massiver auf den ohnehin angespannten Arbeitsmarkt auswirken. Es liegt nicht nur an der Bundesregierung, sondern vor allem an der Bevölkerung, einen kompletten Stillstand zu vermeiden. Ich schätze aber die Möglichkeit eines Lockdowns mit null Prozent ein.

Zum angespannten Arbeitsmarkt ­- sind Sie für ein arbeitsfreies Grundeinkommen?

Grundeinkommen ist ein irreführender Begriff, das Geld kommt ja nicht zu den vielen Sozialleistungen des Staates dazu. Untersuchungen haben ergeben, dass das Grundeinkommen nicht das Grundproblem löst. Und das ist die Arbeitslosigkeit.

Sie sind seit Juni als IV-Präsident im Amt, was machen Sie anders als ihr Vorgänger Georg Kapsch?

Wir wollen als ehrenamtliche Interessensvertretung die besten Rahmenbedingungen für unsere Industrie schaffen, das habe ich mit meinem Vorgänger gemeinsam. Aber die Zeiten ändern sich, wir haben jetzt komplett andere Herausforderungen. Wir müssen jetzt darüber nachdenken, wie wir die Zeit nach Covid bewältigen. Dazu kommen die großen Herausforderungen wie Ökologisierung und Digitalisierung der Industrie. Wir haben aber heute schon die umweltschonendste Produktion im Stahl-, Zement oder Papierbereich in Europa. Bei der Ökologisierung ist Österreichs Industrie nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.

Arbeiten Sie jetzt im Homeoffice?

Ich arbeite seit vielen Jahren an mehreren Standorten, auch von Zuhause aus. Ich hab‘ eine Bürotasche, das ist mein ganzes Büro. Eigentlich bin ich ein Nomade, Büros mag ich gar nicht so.

Ist ihre Familie von den Corona-Maßnahmen betroffen?

Ich habe zwei Töchter im schulpflichtigen Alter. Bei ihnen ist der Unterricht zuhause überraschend gut gegangen. Da merkt man, wie unsere Kinder digital aufwachsen. Für die Kinder war eher ungewöhnlich, dass sie wieder Unterricht in der Schule haben.

Was stört sie persönlich am meisten an den Corona-Maßnahmen?

Dass es zunehmend Leute gibt, die sich nicht an diese Empfehlungen halten und ohne Maske unterwegs sind. Sie gefährden die Öffentlichkeit, das stört mich am allermeisten.

"Das gefährdet einerseits das Gesundheitssystem und andererseits die wirtschaftliche Erholung."

Würden Sie einen Maskenverweigerer in der Öffentlichkeit darauf ansprechen?

Ich würde denjenigen auf sein Solidaritätsverständnis ansprechen.

Letzte Frage: Was stellt den Ihre Firmengruppe eigentlich her?

(lacht) Meine Mutter hat meinen Vater immer gedrängt, er solle Produkte herstellen, die sie auch brauchen könne. Sie hatte insofern recht, als man unsere Produkte nicht im Kaufhaus kaufen kann. Konsumenten haben aber tagtäglich mit unseren Produkten zu tun. Wir liefern Komponentensysteme im Bereich der Energieversorgung, der Kommunikation und der Mobilität. Wenn Sie das Licht aufdrehen, kommt der Strom über unsere Freileitungs-Armaturen. Wir liefern auch Fertigungsanlagen für die Herstellung von Glasfaserkabeln, jede zweite E-Mail weltweit kommt über Kabel, die auf unseren Anlagen hergestellt wurden. Unsere Knill-Gruppe ist über 16 Länder verteilt, besteht aus 30 Unternehmen mit 2.200 Beschäftigten und macht einen jährlichen Umsatz von 350 Millionen Euro.

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