Infektiologe: "Müssen mehr Ansteckungen zulassen"

Der deutsche Infektiologe Ansgar Lohse vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf lässt mit einer gewagten Forderung aufhorchen. Er spricht sich dafür aus, in der Bevölkerung Herdenimmunität zu schaffen.
Der deutsche Infektiologe Ansgar Lohse stellt in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung eine heikle These auf. Er befürchtet, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie schwere medizinische Folgen haben könnten.

"Wirtschaftskrise wirkt sich auf Sterblichkeit aus"



"Die Betreuung von psychisch Kranken ist schwieriger geworden, die Familiensituation in engen Räumen birgt extremes Konfliktpotenzial und eine Wirtschaftskrise wirkt sich direkt auf die Sterblichkeit aus. Je länger die Maßnahmen andauern, umso mehr", erklärt der 60-jährige Arzt in der deutschen Zeitung und sucht nach alternativen Lösungen.

CommentCreated with Sketch. Jetzt kommentieren Arrow-RightCreated with Sketch. Das Ziel einer Herdenimmunität sei ein heikles Vorhaben, wie er selbst einräumt, könnte aber dabei helfen, dass die Krankheit nicht erneut aufflammt. "Ohne eine Impfung, die vor 2021 nicht kommen wird, kann die unkontrollierte Ausbreitung des Virus nur gestoppt werden, wenn eine ausreichende Zahl von Menschen eine Immunität entwickelt. Die Epidemie wird sonst jedes Mal neu aufflammen, wenn wir die Maßnahmen lockern. Wir müssen zulassen, dass sich diejenigen, für die das Virus am ungefährlichsten ist, zuerst durch eine Ansteckung immunisieren", betont Lohse.

In Großbritannien und den Niederlanden wurde das Konzept der Herdenimmunität bereits diskutiert, aber wieder verworfen. Vor allem in Großbritannien sorgte dies für massive Kritik, auch von medizinischen Experten. Einzig in Schweden herrschen noch recht lockere Bedingungen.



Doch Lohse ist überzeugt, dass es Wege gibt, diese möglichst sicher zu steuern. "Sowohl Kinder als auch die allermeisten von ihren jungen Eltern gehören nicht zur Risikogruppe. Je schneller diese Gruppe eine Infektion durchmacht, umso besser. Gleichzeitig müssen wir die wirklichen Risikogruppen besser schützen. Wir haben immer noch zu wenige Maßnahmen für die Altenheime und die ambulante Pflege", sagt der Infektiologe.

"Nicht nur auf Corona schauen"



Er habe bereits mit vielen anderen Kollegen diskutiert, die ebenfalls nach alternativen Lösungen suchen. "Wir sind uns einig, dass wir nicht nur auf Corona schauen dürfen. Auf Dauer richten wir sonst zu große Schäden an. Viele Menschen werden leiden und sterben, weil andere Krankenhausbetten reduziert werden, weil soziale und ärztliche Dienste nicht mehr funktionieren, weil Menschen vereinsamt und andere zusammengepfercht leben müssen, weil Karrieren und Existenzen gefährdet werden."

Die Theorie der "Herdenimmunität" geht davon aus, dass man nach einer Infektion und überstandener Krankheit immun ist und sich kein zweites Mal anstecken kann. Eine Studie aus China zeigt, dass dies auch für das Coronavirus gelten könnte. Ohne strikte Maßnahmen soll ein ausreichender Grad an Immunität in der Bevölkerung aufgebaut werden, um die Krankheitswelle wieder zum Abklingen zu bringen.

"Es müssten, damit man diesen Herdenschutz in der Bevölkerung etablieren kann, etwa 50 bis 70 Prozent der Bevölkerung die Erkrankung durchmachen, damit eine natürliche Immunität in der Bevölkerung entsteht", erklärte etwa Immunologin Ursula Wiedermann-Schmidt von der Medizinuni Wien. Das würde auch das Ende der Pandemie bedeuten.

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