In "Inland" wählt man neben blau auch blauäugig

Die Filmemacherin Ulli Gladik begleitete drei FPÖ-Anhänger vor und nach der Nationalratswahl 2017.
In seinem Zimmer im Obdachlosenheim klickt sich Alex durch Bilder von HC Strache und Norbert Hofer. Das Charisma und das selbstbewusste Auftreten der beiden FP-Granden sprechen ihn an. Ihre Ausländerpolitik sowieso.

Dass ihm die Pläne der FPÖ zur Mindestsicherung seine Lebensgrundlage nehmen könnten, nimmt Alex gerne in Kauf. Solange es auch den Zuwanderern schlecht geht.

Ob es nicht erstrebenswerter sei, allen gehe es gut, fragt Regisseurin Ulli Gladik aus dem Off. Ja, sagt Alex. Warum er denn gegen die Ausländer sei, will Gladik wissen. Darauf hat Alex keine Antwort. Ist halt einfach so.

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Der Trailer von "Inland":





Widersprüche



Schlüssige Erklärungen gibt es in "Inland" nicht, dafür aber reichlich Widersprüche. So auch bei Christian, einem Wiener Beamten, der einer Familie von Ziegelböhmen entstammt. Als Kind wurde er deshalb ausgegrenzt und verachtet. Den heutigen Ausländern begegnet er nicht anders.

Bei einem Spaziergang durch Favoriten zeigt uns Christian ein Friseurgeschäft. Dort würden keine Österreicher, sondern nur Türken bedient, meint er entrüstet. Dass er selbst in einem ähnlichen Etablissement Stammkunde ist, erfahren wir erst später im Film. Sowohl der Preis, als auch die Qualität seien besser als bei der österreichischen Konkurrenz, sagt Christian. Ganz klar also, wo er sich die Haare schneiden lässt.

Besser nicht auskennen



Und dann ist da noch die dreifache Mutter Gitti. Im Café Florida schenkt sie Schnaps und Espressos aus, hört sich die Sorgen ihrer Kunden an und diskutiert mit ihnen über die politische Lage in Österreich. Für die Türken am Brunnenmarkt hat sie lobende Worte übrig, die "Balkanmeile"vor ihrer Haustüre irritiert sie hingegen.

Gitti bewundert Sebastian Kurz. Vor allem die Jugend des Kanzlers spricht sie an. Ihm traut sie zu, die hohen Mieten in Wien wieder zu senken. Als Gladik sie darauf anspricht, dass die ÖVP unter Kurz einen ganz anderen Kurs eingeschlagen hat, winkt Gitti ab. Da kenne sie sich zu wenig aus und wolle sich auch gar nicht besser auskennen.

Spurensuche



Ulli Gladik schürft – knapp unter der Oberfläche und doch tiefer als jeder Politiker – in den Bedürfnissen und Ängsten österreichischer Wähler und zerrt eine grassierende Unzufriedenheit ans Tageslicht, deren Ursprung abseits von Wahlkampfreden und Plakatslogans nicht immer leicht festzumachen ist.

"Inland" betreibt dabei keine Ursachenforschung zum heimischen Rechtsruck. Vielmehr regt der Film zur Spurensuche an, bei "den anderen", wie auch bei sich selbst. Dabei verurteilt die Doku nicht, predigt nicht und gibt seine Protagonisten auch nie der Lächerlichkeit preis. Sehenswert.

"Inland" startet am 3. Mai in den österreichischen Kinos.

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