"Jugendamt hat Mitschuld am Tod meiner Töchter"

Nach dem schrecklichen Tod einer Frau und ihrer beiden Töchter in Wien erhebt ihr Ex-Ehemann und Vater schwere Vorwürfe gegen Jugendamt, Psychiater und das Frauenhaus.
Noch immer beschäftigt der tragische Hunger-Tod der psychisch kranken Vesna M. und ihren Töchtern Suzana und Tanja (18) in einem Gemeindebau in Floridsdorf ganz Österreich. Einer, der dabei bislang kaum zu Wort kam, ist Zivorad M., der Vater bzw. Ehemann der drei Verstorbenen. In einem Interview mit "Kosmo" schildert der 55-Jährige, wie es zu dem tödlichen Drama kam.

Seit 34 Jahren arbeitet Zivorad M. bereits als Schlosser in Österreich. Als er 2002 endlich seine Ehefrau Vesna und ihre damals einjährigen Töchter, die bisher in Serbien geblieben waren, nach Wien nachholen konnte, glaubte er sich auf Wolke 7. Doch schon bald begann der Traum vom heilen Familienleben zu zerbröseln: Seine Ehefrau habe begonnen in ihrem Kopf Stimmen zu hören, sei schlecht gelaunt gewesen und habe stundenlang vor der Wohnungstür auf Personen gewartet, die nicht existieren.

"Das Schlimmste war, sie lehnte es ab, sich mit den Kindern zu beschäftigen, denn die Stimmen in ihrem Kopf behaupteten, die Töchter seien ihre Feinde", erinnert sich der Handwerker. Die Diagnose war vernichtend – Schizophrenie. Erst später habe erfahren, dass sie bereits als Schulkind erste Anzeichen gezeigt habe, die aber von den Eltern geheim gehalten worden waren.

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"Es war sehr schwer, aber ich habe mich nach Kräften um meine Frau gekümmert. Wenn ich von der Arbeit kam, war ich die ganze Zeit bei den Kindern und ihr und habe ihnen jeden freien Moment gewidmet", so Zivorad M. weiter. War er nicht daheim, sorgten seine Schwester und Freundinnen für die Kinder.

"Als die Krankheit fortschritt, wurde ich ihre Geisel"


Das wirre Verhalten seiner Ehefrau habe ihn an die Belastungsgrenze geführt, so der 55-Jährige und gibt zu, sie im Streit geschlagen zu haben: "Einmal ganz am Anfang unserer Ehe, als sie nach Wien kam. Später, als klar wurde, dass sie krank war, habe ich niemals die Hand gegen sie erhoben." Auch mit dem Gedanken an eine Scheidung habe er gespielt: "Damals wusste ich noch nicht, dass sie krank war. Später, als die Krankheit fortschritt, wurde ich ihre Geisel und habe keine Scheidung mehr erwogen."

In den folgenden Jahren glaubte das Paar, die Krankheit unter Kontrolle zu bekommen. "Es gab Zeiten, in denen sie ihre Medikamente einnahm und diese wirkten. Dann kommunizierte sie normal mit den Leuten und verließ die Wohnung problemlos alleine", so der Serbe. "Wenn es wieder zu einer Verschlechterung kam, gaben ihr die Ärzte eine neue, stärkere Therapie, und ich glaubte, wir würden es schaffen, die Krankheit gemeinsam zu besiegen."



Als er am Abend im Oktober 2013 nach Hause gekommen sei, fehlte von seiner Familie jede Spur. In großer Sorge hätten er, seine Schwester und Freunde dann mit der Suche begonnen und der Reihe nach Krankenhäuser abgeklappert.

Von der Polizei erfuhr Zivorad M. schließlich, dass sich seine Ehefrau und Töchter in einem Frauenhaus aufhalten würden. Erst am Tag danach habe er im Gericht Auskunft darüber bekommen, dass seine Frau ausgesagt hätte, er würde sie und die beiden Kinder schlagen. Auch die beiden Mädchen hätten das bestätigt.

"Sie wussten, dass Frauenhäuser für misshandelte Frauen da sind, und das war Vesna nicht. Leider glaubte ihr das Jugendamt und brachte sie mit den Kindern in das Frauenhaus", so Zivorad M., gegen den in Folge ein Kontaktverbot ausgesprochen wurde.

"Sie lachte mir ins Gesicht und ich habe vor Ohnmacht gezittert."


Im Interview beteuert er mehrfach seine Unschuld: "Ich hatte mich bemüht, ihnen ein schönes Leben zu bieten, und hatte von morgens bis abends gearbeitet. Ich hatte meinen Kindern das Radfahren beigebracht, hatte viel mit ihnen gelacht, war ein guter Vater gewesen..."

Drei Jahre verbrachten Vesna und ihre Töchter durchgehend im Frauenhaus. "Sie sind einmal weggegangen und niemals zurückgekommen", erzählt Zivorad M., dem die Obsorge über seine Kinder entzogen wurde. Informationen über seine Töchter bekam er kaum: "Natürlich habe ich das versucht [...] Alles war vergebens. In der Zwischenzeit haben sich Vesna und ich auf meine Initiative hin scheiden lassen. Damals habe ich sie vor Gericht gesehen. Sie schaute mich an und lachte mir ins Gesicht und ich habe vor Ohnmacht gezittert."

"Wie das schlimmste Monster behandelt."


Der 55-Jährige erhebt schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt: Obwohl ein psychiatrisches Gutachten Vesna aufgrund ihrer Krankheit bescheinigte, sich nicht selbstständig um die Kinder kümmern zu können, sei ihm das Sorgerecht nicht wieder zurückgegeben worden, erinnert sich Zivorad M. "Das hat am Ende zum Tod meiner Töchter und ihrer Mutter geführt."

Er sei weiterhin "wie das schlimmste Monster behandelt" worden. Seine einzige Verbindung zu den beiden Mädchen in der folgenden Zeit seien die Unterhaltszahlungen von 800 Euro gewesen. Bis diese im Februar 2019, als die Zwillinge volljährig wurden, ebenfalls eingestellt wurden.

Seit jenem Tag habe er seine Töchter nur zwei Mal lebendig mit eigenen Augen gesehen. Einmal vor der Schule und einmal zufällig auf der Straße: "Sie waren mit ihrer Mutter und blieben nicht stehen, und mir brach der Anblick wieder einmal das Herz", so der Vater.

"Zumindest im Tode gehören sie zu mir."


Am Sonntag, dem 19. Mai, nahm das bittere Drama ein schreckliches Ende. Vesnas Eltern hätten ihn kontaktiert, weil sie seit zwei Monaten nichts von ihrer Tochter gehört hatten. Von ihnen habe er auch die aktuelle Wohnadresse erhalten, schildert der gebürtige Serbe. Sofort sei er mit seiner Schwester hingefahren, doch vor verschlossener Tür gestanden. Jugendamt und Polizei hätten ihm jede Auskunft verweigert.

Zwei Tage später habe er dann die "schwerste Nachricht seines Lebens" erhalten. Zivorad M.: "Sechs Jahre lang habe ich um sie gekämpft, sie haben mir nicht erlaubt, sie zu sehen, und dann haben sie sie mir tot übergeben." Seine Töchter habe er gegen den Willen ihrer Großeltern in Wien begraben – Nachsatz: "Zumindest im Tode gehören sie zu mir."

Kein Geld für einen Prozess

Trotz aller Wut gegen das Jugendamt, strebt der verwitwete Familienvater keinen Prozess an. Er habe einfach kein Geld mehr. All sein Erspartes habe er in die Behandlung von Vesnas Krankheit, dann den Kampf um die Kinder und nun in die Beerdigung gesteckt.

"Aber ich erkläre auf diesem Wege, dass ich das Jugendamt, seine Psychiater und das Frauenhaus des Todes meiner Kinder beschuldige", so Zivorad M. Seiner Frau Vesna mache er keine Vorwürfe, "denn sie war krank und wusste nicht, was sie tut".

Das einzige Lebendige von Suzana und Tanja

Der gelernte Schlosser steht mit 55 Jahren nun vor den Trümmern seines Lebens. Vesna sei seine einzige Liebe gewesen, zudem habe er immer gehofft, dass seine Töchter wieder zu ihm zurückfinden würden. Nur eine Katze ist ihm geblieben. Die hätten seine Kinder ein paar Wochen vor ihrem Auszug in das Frauenhaus bekommen. Zivorad M.: "Sie ist das einzige Lebendige von Suzana und Tanja in meinem Zuhause." (rcp)

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