Islamisten im Irak erobern Stadt um Stadt

Bild: Reuters/AP/Heute.at-Montage

Der Irak versinkt im Chaos. Islamisten haben die Städte Mossul und Tikrit erobert und rücken auf Bagdad vor, wo es einen Selbstmordanschlag gab. Das türkische Konsulat wurde gestürmt, 48 Personen als Geiseln genommen. Eine halbe Million Menschen sind auf der Flucht.

Die Islamisten der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIL) im Norden des Irak setzen ihren Vormarsch in Richtung Bagdad fort. Stadt um Stadt fällt den Terroristen in die Hände. Nach Mossul und der Industriestadt Baiji im Nordirak befindet sich seit Mittwoch auch Tikrit im Zentrum des Landes unter der Kontrolle der selbsternannten Gotteskrieger. Wo sie hinkommen, befreien sie Gesinnungsgenossen aus den Gefängnissen.

In Bagdad, 150 Kilometer von Tikrit entfernt, sind am Mittwoch bei einem Selbstmordattentat mindestens 16 Menschen ums Leben gekommen. Der Attentäter habe sich in einer Menschenansammlung im schiitischen Armenviertel Sadr City in die Luft gesprengt, berichteten Polizei und Mediziner.

Türkisches Konsulat gestürmt

Nach türkischen Regierungsangaben haben die ISIL-Kämpfer das Konsulat der Türkei in der Stadt Mossul gestürmt und 48 Menschen als Geiseln genommen. Auch drei Kinder sollen in der Gewalt der Terroristen sein. Die Geiseln wurden aus dem Konsulatsgebäude in einen Stützpunkt der Jihadisten gebracht. Nach Angaben der türkischen Behörden sind alls unversehrt.

Halbe Million Menschen auf der Flucht

Rund 500.000 Menschen sind bereits auf der Flucht vor den ISIL-Kämpfern. Sie hätten ihre Wohnhäuser in und um Mossul aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen verlassen, berichtete die Internationale Organisation für Migration (IOM) am Mittwoch in Genf.

Es gebe eine "bedeutende Zahl an Opfern unter den Zivilisten", erklärte die IOM. Die vier großen Krankenhäuser der Stadt seien unerreichbar, weil sie in der Kampfzone lägen. Mehrere Moscheen seien zu Lazaretten umfunktioniert worden, um die Verletzten zu versorgen. ISIL-Kämpfer hatten die zweitgrößte irakische Stadt am Dienstag nach mehrtägigen Kämpfen eingenommen.

Nach Mossul müsse Bagdad damit rechnen, dass "es überall passieren kann", sagt Sicherheitsexperte John Drake von der AKE Group, die unter anderem Risikoanalysen erstellt.

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Etwas mehr als zehn Jahre nach dem Sturz von Saddam Hussein und den darauf folgenden Jahren des Aufstands und Terrors droht dem Irak ein Bürgerkrieg wie im benachbarten Syrien.

Die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehende Organisation Islamischer Staat im Irak und in der Levante (ISIL) habe kämpferisch und taktisch deutlich aufgeholt.

ISIL traue sich inzwischen "ambitionierte Operationen" wie die Verteidigung eingenommener Gebiete zu, sagt Michael Knights vom Institute for Near East Policy in Washington. Die Einnahme Mossuls, Ninives und von Teilen der angrenzenden Provinzen "scheine die Eröffnung für eine neue ISIL-Offensive zu sein".

Die Islamisten hatten Mossul am Dienstag regelrecht überrannt. Die irakischen Sicherheitskräfte hatten den ISIL-Kämpfern nichts entgegenzusetzen. Mossul habe den kläglichen Zustand der Sicherheitskräfte offenbart, sagt Knights. Drake sieht in der Übernahme der Stadt einen "großen Schlag für die Moral der Sicherheitskräfte".

Bagdad hat Kämpfern nichts entgegenzusetzen

Es dürfte für Bagdad äußerst schwer werden, den kampferprobten ISIL-Kämpfern das Territorium wieder abzuringen, dessen strategischer Nutzen für die Jihadisten enorm ist. Mit der Provinz Ninive verfügen diese nun über einen Korridor entlang der syrischen Grenze, der vom Norden des Irak bis in die westliche Provinz Al-Anbar reicht.

Dies bietet einen idealen Raum zum Schmuggel von Waffen, zum Transfer von Geld für die Finanzierung der Rebellion und den Austausch von Kämpfern für die Aufstände beiderseits der Grenze: in Syrien gegen Präsident Bashar al-Assad und im Irak gegen die bei den Sunniten verhasste schiitische Regierung unter Nuri al-Maliki.

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