Anlässlich der saloppen Aufmachung manchen Gastes bei einem Abendessen erzählte mir der Krawattenfetischist und US-Regiestar Martin Scorsese, dass er den Charakter eines Menschen nach der Krawatte beurteile, die dieser trage.
Und wenn einer keine Krawatte trage? Seine Antwort: "Dann hat er auch keinen Charakter." Eine zynische, aber erfrischende Anmerkung in Zeiten einer global grassierenden Tyrannei der offenen Kragen und T-Shirts. War früher die Krawatte für einen Mann von Welt Pflicht, so scheint sie außerhalb von Büros heute tabu zu sein. Der Krawattenträger fordert zunehmend eine Gesellschaft heraus, die alles Ästhetische, Zwecklose, Unvernünftige und mit Konventionen Verbundene unter ideologisch-moralischen Generalverdacht gestellt hat.
Dabei befindet diese sich im Bündnis mit einer Industrie, die ihre meist ausbeuterisch produzierte Wegwerfkleidung mittels kommerzialisierter Popkultur als persönlichen Befreiungsakt verkauft. Die Ablehnung der Krawatte geht einher mit dem Verlust von Höflichkeit, gesellschaftlichen Konventionen und der Liebe zu schönen Gegenständen. Konnte man bis vor Kurzem zu Festspielen oder Opernaufführungen nur in festlicher Kleidung auftreten, so empfindet man sich heute mit Anzug und Krawatte oft als absonderlicher Vertreter einer aussterbenden Spezies.
In diesen Zeiten ist geradezu Mut notwendig, um mit einer Krawatte aus dem Einheitsbrei von Jeans und T-Shirt hervorzuscheinen. Es ist längst mehr Provokation, mit Krawatte in der Freizeit aufzutreten, als im Sommer in kurzen Hosen und Slippers die Zentren unserer Städte mit Badeanstalten zu verwechseln. Als Krawattensammler und -träger halte ich fest, dass sie eines der letzten Accessoires männlicher Schönheit in Zeiten spießiger Gleichmacherei und radikaler Bequemlichkeits- und Freizeitfanatiker ist, ein letzter Akt des Heroismus – "ein immerwährender Sonnenuntergang", wie es der Dichter Baudelaire bedauerte. Mein Rat: Tragen Sie wieder einmal Krawatte und genießen Sie den Sonnenuntergang.