"Jeder wird sich eigenes Geld ausstellen können"

Das neue Geld von Facebook sei erst der Anfang, sagt der Schweizer Banker Richard Olsen. Er arbeitet daran, dass jeder eigenes Geld herausgeben können soll.
Herr Olsen, Facebook hat Pläne für die eigene Währung Libra vorgestellt. Wird sie die Banken überflüssig machen?

Das Facebook-Geld Libra ist wie ein Riss im Damm der Finanzindustrie. Bislang hat die Blockchain-Technologie bei ihr noch nichts verändert. Nun aber kommt Facebook und bringt Schwung in die Sache. Denn wir haben längst die Technologie für ein neues Geldsystem ohne Banken.

Werden die Banken mit Libra gerade rechts überholt?

Als das Smartphone kam, konnte sich am Anfang niemand vorstellen, dass man damit mehr kann als nur telefonieren. Es hat eine Weile gedauert, bis klar wurde, welche Revolution das ist. Ähnlich ist es mit der Blockchain.

Was meinen Sie damit genau?

Der Libra zeigt, dass es dank Blockchain ganz neue Zahlungsmittel geben kann. Das hat nichts mit Kryptowährungen wie Bitcoin zu tun. Im Prinzip geht es um digitale Münzen, sogenannte Token. Es ist nicht mehr nötig, dass Notenbanken fälschungssichere Banknoten drucken und wir mühsam mit Münzen und Banknoten bezahlen.

Wie funktionieren diese Token?

Das geht noch über Facebooks Libra hinaus. Der Libra ist mit herkömmlichen Währungen hinterlegt. Aber Token haben private Sachwerte zur Grundlage. Das heißt: Jeder kann einen Kredit aufnehmen, indem er etwa den Verkaufswert seines Autos als Pfand angibt und sich eigenes Geld ausstellt. Auch Unternehmen wie Amazon können ihr eigenes Geld herausgeben. Es wird den Amazon-Dollar geben. Das ist noch revolutionärer als der Libra.

Der Schweizer Richard Olsen (65) ist Gastprofessor am Zentrum für rechnergestützte Finanzmärkte der britischen Universität Essex. Und er ist Gründer und CEO des Startups Lykke (auch das Medienhaus Tamedia, zu dem 20 Minuten gehört, ist darin investiert). Lykke ging diesen Frühling frisch an den Start und ist eine Handelsplattform für digitale Wertpapiere - das heisst, sie ermöglicht den Austausch von elektronischem Geld, den sogenannten Token. Olsen ist kein Unbekannter in der Finanzbranche: Er hatte den Hochfrequenz-Handel von Devisen revolutioniert. Denn er schuf eine Plattform, die als weltweit erste Zinsen im Sekundentakt berechnete und genauso schnell auszahlte.
Wieso sollen denn Detailhändler Geld herausgeben?

Detailhändler geben schon jetzt Geld heraus: die Cumulus- oder Superpunkte sind schon heute ein spezielles Zahlungsmittel. Dank Blockchain-Technologie können Firmen ihre Gutscheine als digitaler Token herausgeben und so können wir diese Token zum Bezahlen einsetzen. Mit solchen Amazon-Token können auch Mitarbeiter bezahlt werden.

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Dann gäbe es unzählige Parallelwährungen?

Die Token-Economy wird eine Welt mit Tausenden von Parallelwährungen werden. Das täuscht aber, denn es wird eine Reihe von Leitwährungen geben mit einem sehr großen Marktanteil. Aber nicht so groß wie der heutige Dollar und Euro. Ich erwarte, dass Städte eine größere Bedeutung erlangen werden und ihre Tokens eine lokale Leitwährung sein werden. So wird es auch einige Unternehmens-Token als Leitwährungen geben.

Wie aber soll ich etwa mit einem Amazon-Gutschein bei anderen Firmen bezahlen?

Reisen wir im Ausland, können wir mit unseren Kreditkarten auch in anderen Währungen wie Dollar, Pfund oder auch Rubel bezahlen. In gleicher Weise geht das mit den Token im Smartphone: Vom Nutzer unbemerkt wird der Amazon-Gutschein in den Token gewechselt, die der Empfänger erhalten möchte. Die Verkaufs- und Kauftransaktion der verschiedenen Token wird im Hintergrund abgewickelt.

Was soll der Vorteil gegenüber der jetzigen allgemeinen Währung sein?

Es wird ähnlich wie beim traditionellen Tauschwarenhandel: Die Token-Economy wird es auch Privatleuten viel einfacher machen, eigene Token zu lancieren und so ihre Projekte effizient zu finanzieren.

Die Notenbanken haben die Funktion, die Wirtschaft zu steuern und die Werthaltigkeit des Geldes zu garantieren.

Notenbanken wird es weiterhin geben, aber ihre Bedeutung wird abnehmen, da der Marktanteil der traditionellen Währungen sinkt. Es ist heute ein großer Nachteil, dass die Notenbanken und ihre traditionellen Währungen keine Konkurrenz haben. Die Parallelwährungen werden das Wirtschaftssystem stärken.

Haben Blockchain-Firmen wie Ihre das Recht, neues Geld herauszubringen?

Wir haben die Lizenz als Wertschriftenhändler bei der Finanzmarktaufsicht (Finma) beantragt. Dafür haben wir zwei Jahre lang alle möglichen Nachweise zusammengestellt. Die Lizenz ist ein wichtiger Schritt, um unsere Produkte auf den Markt zu bringen. Die Schweiz ist mit 700 bis 1.000 Firmen einer der weltweiten Hotspots für die Entwicklung der dafür nötigen Blockchain. (rfr/20 Minuten)

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