Krisenmanager Rudi Völler fand bei seinem sechsminütigen Plädoyer für den angezählten Hansi Flick nicht einmal Zeit für einen Schluck seines geliebten Kaffees. Gleich vier Mal nannte der DFB-Direktor im aufgeheizten Presseraum auf dem Frankfurter Campus Flick einen "absoluten Top-Trainer", um dann den besorgten Fans im Land zuzurufen: "Natürlich wird Hansi Flick Trainer bleiben. Das steht nicht zur Debatte."
Nach nur vier Siegen in den vergangenen 15 Spielen und dem nächsten bitteren Rückschlag beim 0:1 in Polen gestikulierte Völler bei seiner Verteidigungsrede immer wieder wild mit den Händen, die miese Stimmung im Land spürt auch der in der Krisen-Kommunikation erprobte Weltmeister von 1990. "Am Dienstag", betonte Völler in seinem blauen Hemd mit Blick auf das Saisonfinale in Gelsenkirchen gegen Kolumbien (20.45 Uhr/RTL), "ist es kein Freundschaftsspiel. Wir müssen den Menschen zeigen, dass sie auf uns bauen können."
Die Alarmsirenen beim DFB schrillen nach einer völlig verkorksten Spielzeit inklusive frühem WM-Aus immer lauter. Völler tauschte sich noch auf dem Rückflug aus Warschau mit Präsident Bernd Neuendorf aus, am Samstag telefonierte er lange mit DFB-Vize Hans-Joachim Watzke. Die allgemeine Einschätzung: Flick bleibt bis zur Heim-EM, komme was wolle.
Der 58-Jährige war beim morgendlichen Training im Sonnenschein um gute Stimmung bemüht. Immer wieder suchte der einst als "Menschenfänger" gefeierte Flick das Gespräch mit seinen Spielern und versuchte Lockerheit zu vermitteln. Dabei könnte der ehemalige Münchner Erfolgscoach selber etwas Aufmunterung gut gebrauchen. Die Situation sei "das Schicksal eines Trainers", sagte Völler. Da müsse man "ein bisschen etwas aushalten können". Sein Eindruck: "Das kann der Hansi auch." Hinwerfen werde er nicht.
Der sich in seiner Argumentation oft wiederholende Völler ist von Flicks Masterplan für ein erfolgreiches Turnier überzeugt. Die taktischen und personellen Experimente werden toleriert. Völlers Hoffnung: "Qualität wird sich am Ende durchsetzen." Daher sei er lieber "Sportdirektor von unserer Mannschaft als Sportdirektor von Polen".
Doch auch wenn Völler um gute Laune bemüht war und alle Bedenken wegzuwischen versuchte, muss sich schleunigst etwas ändern. Der DFB-Auswahl mangelt es an Überzeugung und Automatismen. Die für jede Mannschaft so wichtige Achse kristallisiert sich weiterhin nicht heraus, in den 23 Spielen seiner Amtszeit formte der Bundestrainer 20 verschiedene Abwehrformationen. Die jüngsten vier Siege gelangen gegen eine italienische B-Elf, den Oman, Costa Rica und Peru.
„Gosens: "Die Lage ist todernst"“
Die Sorge bei den teils verunsicherten Spielern scheint jedenfalls größer als bei den Verantwortlichen. "Die Lage ist todernst", sagte Robin Gosens. Antonio Rüdiger vermisste im Warschauer Nationalstadion gegen einen in seinen Mitteln beschränkten Gegner "die letzte Gier".
Diese soll Champions-League-Sieger Ilkay Gündogan einbringen, der am Sonntag erstmals am Mannschaftstraining teilnahm und von Flick für die Begegnung mit den seit zehn Spielen ungeschlagenen Kolumbianern eine Startelfgarantie bekam. Torhüter Marc-Andre ter Stegen (Belastungssteuerung) und Offensivspieler Florian Wirtz (Oberschenkelprobleme) fehlten bei der Einheit.
Führungsspieler Joshua Kimmich war gewohnt eifrig bei der Sache. Er gab schon nach dem Auftritt in Polen den Mahner. "Bei anderen Nationen, die die letzten Turniere gewonnen haben, da war es nicht so, dass die in der Vorbereitung auf das Turnier angefangen haben, guten Fußball zu spielen", sagte Kimmich: "Die haben es geschafft, sehr viele Spiele zu gewinnen."
„Flick: "Wir müssen fighten und gewinnen"“
Davon ist der viermalige Weltmeister meilenweit entfernt. Daher soll der nächste Nackenschlag vor der langen Länderspielpause unbedingt vermieden werden. "Wir müssen fighten und gewinnen, das ist unser Auftrag", sagte Flick kämpferisch.
Völler will noch mehr. "Am Dienstag wollen wir die Menschen begeistern", versicherte er. Sein Kaffee war da längst kalt geworden.
Textquelle: AFP