Politik Backstage

Kanzlerduell: Die geheimen Zahlen zu Nehammer vs. Kickl

Die FPÖ spricht die Jungen und die Berufstätigen an, die ÖVP ist zur Bank für die Pensionisten geworden. Und: Warum der Kanzler auf "Mea culpa" setzt.

Clemens Oistric
Kanzlerduell: Die geheimen Zahlen zu Nehammer vs. Kickl
Kanzler Karl Nehammer hat die Generation 60plus hinter sich, Herbert Kickl die Erwerbstätigen.
Sabine Hertel, Denise Auer

Eine Woche nach der EU-Wahl ist der Infight ums Kanzleramt voll entbrannt. Nach dem regelrechten Fotofinish – nur 0,8 Prozent lagen am Ende zwischen FPÖ und ÖVP – wittern die Schwarzen Morgenluft. Zu recht? "Heute" beauftragte die erste große Umfrage, die nach den Ergebnissen des jüngsten Urnengangs gewichtet ist.

Blaue führen nach wie vor

Unique Research schätzt die FPÖ immer noch auf 28 Prozent hoch. Dahinter hat sich die Volkspartei auf 23 Prozent hochgekämpft, die SPÖ verharrt bei 21 Prozent. Was der Sonntag aber deutlich gemacht hat: Meinungsforscher haben zwar den Wahlsieger richtig prognostiziert, bei den exakten Werten lohnt aber ein Blick auf die Schwankungsbreiten – im Fall der aktuellen "Heute"-Studie (siehe Grafik) sind das 3,5 Prozent auf oder ab.

Heißt? Die FPÖ liegt aktuell irgendwo zwischen 25 und 31 Prozent, die ÖVP zwischen 20 und 26, den Roten wird der Korridor 18-24 ausgewiesen. Alles also möglich, nix fix.

FPÖ weiter in der Pole Position

Und so ist es am Sonntag gekommen. Die ÖVP ist am obersten Rand der Schwankungsbreite gelandet, die FPÖ unter dem untersten (die Demoskopen hatten die Blauen stärker eingeschätzt). Warum? "Die DNA, die im selben Wählerteich wie die FPÖ fischt, war mit 2,7 Prozent deutlich stärker als erwartet und die Anhänger der FPÖ waren schwächer mobilisiert als die Wähler der anderen Parteien", erklärt "Heute"-Meinungsforscher Peter Hajek.

Er sieht die Ausgangslage für die Nationalratswahl "grosso modo unverändert", die FPÖ liegt weiter in Front, gab aber zwei Punkte im Vergleich zum März nach. Die ÖVP freilich hat mit einer kommunikativen Großleistung ihr Minus von zehn Prozent mit dem zweiten Platz kaschiert und die Aufholjagd für eröffnet erklärt.

Der "Mea culpa"-Kanzler

Während die SPÖ öffentlich um eine Migrationslinie ringt, hat der Kanzler beim Familiennachzug die Gangart verschärft und setzt in Interviews auf "Mea culpa". "Ich habe die Botschaft verstanden", gibt sich Nehammer versöhnlich. Und: "Ich höre euch." Ein Kommunikationsexperte mit jahrzehntelanger Polit-Expertise sagt "Heute": "Mea culpa ist sehr stark, aber jeder Politiker kann diese Karte nur einmal ziehen."

Aber wie steht das Kanzlerduell in den "Battlegrounds" tatsächlich? Hierfür lohnt ein Blick auf die geheimen Feindaten der "Heute"-Studie:

Nehammer Bank bei Pensionisten

Karl Nehammer hat seit April nicht nur die (fiktive) Frage der Bundeskanzler-Direktwahl gedreht und liegt hier nun mit 30 vor 25 Prozent vor Herbert Kickl. Der Kanzler verspürt festen Rückhalt durch die Pensionisten. Bei jener Gruppe, die am treusten tatsächlich den Weg ins Wahllokal auf sich nimmt, kommt er hochgerechnet auf 37 Prozent.

Zum Vergleich: Die einstige Seniorenpartei SPÖ liegt hier bei 19 Prozent. Bei Berufstätigen ist die FPÖ (ein Viertel der 30- bis 59-Jährigen will Blau wählen) dominant. Schüler und Studenten tendieren eher zu Grün (22 Prozent), Neos (18 Prozent) und BIER (15 Prozent).

SPÖ: Am Ende bleibt immer noch Wien ...

Wie schon bei der EU-Wahl wird Österreichs Polit-Landkarte auch bei der "Heute"-Sonntagsfrage bunt gefärbt. Die SPÖ ist in Wien deutlich in Front, im restlichen Osten des Landes aber brustschwach. Karl Nehammer führt in Oberösterreich/Salzburg und liegt auch in Niederösterreich stabil vorne. Die Landesgruppe von Johanna Mikl-Leitner hatte schon beim Brüssel-Votum jede vierte schwarze Stimme beigesteuert. Herbert Kickl räumt in der Steiermark und in Kärnten ab, ist im Westen zwar hinter den Schwarzen, aber noch immer doppelt so stark wie die SPÖ.

Was sonst ins Auge sticht

  • Die ÖVP kann nur 49 Prozent der Wähler aus 2019 (Höhepunkt der Ära Kurz) behalten.
  • Die Schwarzen haben folglich aber noch Potenzial bei früheren Wählern von Sebastian Kurz, die aktuell im "Wartezimmer" sitzen.
  • Die Roten müssen vor allem eigene Sympathisanten noch überzeugen, 19 Prozent geben eine Zweit-Präferenz für die Grünen an.
  • Herbert Kickl und die FPÖ haben sowohl von EU- als auch der letzten Nationalratswahlen die besten Behalte-Raten, also die loyalsten Wähler. Und: 52 Prozent ihrer Wähler sagen: Für mich kommt keine andere Partei in Frage – Spitzenwert!
  • Wo die Freiheitlichen – siehe EU-Wahl – Probleme haben: Diese Personen tatsächlich an die Urnen zu bekommen.

Können einstige Großparteien noch aufholen?

Ein heißer Polit-Sommer ist somit garantiert. Entscheidend für die Wahl wird: Können SPÖ und ÖVP derzeit verlorene Stimmen von 2019 doch noch zurückholen? Gelingt es FPÖ und BIER-Partei, die Nichtwähler von 2019 zu mobilisieren.

Nur 64 % der Roten für Kanzler Babler

Und: Kosten die Nachwirkungen der Schilling-Affäre den Grünen weitere Stimmen oder rückt über die heißen Monate ihr Leibthema Klimawandel ausreichend gut in den medialen Fokus? Bedenklich für Vizekanzler Werner Kogler: Nur 43 Prozent der Grün-Wähler würden ihn auch direkt zum Kanzler wählen, 15 Prozent der Sympathisanten der Öko-Partei geben hier Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger aktuell den Vorzug.

Nehammer (89 Prozent) und Kickl (79 Prozent) sind bei ihren Wählern gesetzt, Babler wollen nicht einmal zwei Drittel der Sozialdemokraten direkt zum Ballhausplatz entsenden.

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    Das Untersuchungsdesign.
    Das Untersuchungsdesign.
    Peter Hajek

    Auf den Punkt gebracht

    • In einer ersten großen Umfrage nach den Ergebnissen der EU-Wahl führt die FPÖ weiterhin mit 28 Prozent, gefolgt von der ÖVP mit 23 Prozent und der SPÖ mit 21 Prozent
    • Die Schwankungsbreiten zeigen jedoch, dass die genauen Werte unsicher sind
    • Die FPÖ liegt bei den Berufstätigen vorne, während die ÖVP bei den Pensionisten stark ist
    • In den "Battlegrounds" zeigt sich, dass die SPÖ vor allem in Wien stark ist, während ÖVP und FPÖ in anderen Regionen führt
    • Der Ausgang der Wahl bleibt ungewiss, da die großen Parteien versuchen, verlorene Stimmen zurückzugewinnen und die FPÖ und die BIER-Partei versuchen, Nichtwähler zu mobilisieren
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