"Keine Alternative": Das erwartet Schulen nach Lockdown

Bildungsminister Heinz Faßmann im Rahmen einer Pressekonferenz am 14. November 2020
Bildungsminister Heinz Faßmann im Rahmen einer Pressekonferenz am 14. November 2020picturedesk.com/EXPA/Florian Schroetter
Wie geht es jetzt an den Schulen weiter und was kommt nach dem Lockdown? Das sagt Bildungsminister Heinz Faßmann dazu.

Per Tele-Schaltung ins Studio stellte sich Heinz Faßmann im Rahmen des "Corona Bürgerforums" von Puls24 den Fragen von Moderator Thomas Mohr. Dabei gab der Bildungsminister auch einen Ausblick über die nächsten drei Wochen hinaus:

Mohr: Wäre regulärer Unterricht auch heute noch vertretbar?

Das Bildungsministerium habe die Corona-Zahlen der letzten Wochen mit einer "gewissen Besorgnis" verfolgt. Anbetracht der Lage – Österreich liegt bei der Inzidenz pro 100.000 Einwohner weltweit an der Spitze – "ist es sicherlich ein Gebot, dass alle Institutionen einen Beitrag dazu zu erbringen, dass diese Infektionszahlen runtergehen", antwortete Faßmann. 

Gleichzeitig sei er aber "froh", dass "wir als Erstes mit dem Handel wieder aufsperren können." Insgesamt sind es 14 Schultage, an denen der Unterricht nicht in den Klassenzimmern abgehalten wird. "Das ist, glaube ich, eine akzeptable Anzahl und wenn es wirklich gelingt, die Infektionszahlen zu drücken, dann bin ich sehr froh drüber."

Hat der Fernunterricht an den Oberstufen das Infektionsgeschehen verändert?

Das lasse sich so nicht isoliert betrachten, da im selben Zeitraum die Fallzahlen rasant gestiegen sind. "Wenn es einen dämpfenden Effekt in dieser Altersgruppe gibt, dann haben wir gleichzeitig den beschleunigenden Effekt der insgesamt steigenden Infektionszahlen", so der Bildungsminister. 

Mohr konfrontierte im Anschluss Faßmann mit einer ganzen Reihe an Vorschlägen, um die Schulen Corona-sicher zu machen, die bereits seit dem Sommer bestehen, aber bis jetzt nicht in den Bildungseinrichtungen zum Einsatz kommen. Der Moderator nannte etwa Plexiglas-Wände, Webcams für Fernunterricht, gestaffelter Schulbeginn als Beispiele: 

Warum ist keiner dieser Vorschläge bisher umgesetzt worden?

Faßmann schiebt das auf die geringen Fallzahlen in den Sommerferien und auch im September. "In dem Augenblick wo wir gesehen haben, dass die Infektionslage eine andere wird, haben wir auch unmittelbar reagiert." Der Minister wehrt sich gegen den Vorwurf der Untätigkeit: Über den Sommer hinweg habe es sehr viele Intitiativen zur Digitalisierung an den Schulen gegeben.

"Da ist viel geschehen, aber ich gebe zu: Die Infektionssituation in der zweiten Oktoberhälfte ist eine sehr außergewöhnliche gewesen. Und ich muss klarerweise auch sagen, wenn wir zurückkehren in die Schule (ab dem 7. Dezember), dann werden wir sicherlich anders zurückkehren müssen, damit eben Infektionszahlen auch in den Schulen nicht ansteigen." Viele der durch Mohr genannten Maßnahmen müssten dann realisiert werden, sagte der Minister abschließend voraus. Neue Normalität also auch an den Schulen.

Warum soll etwas in drei Wochen klappen, was seit Mitte Oktober nicht funktioniert wurde?

Faßmann erklärte darauf, dass man gerade erst die anlassbezogene Testung im Verdachtsfall pilotiert und auch vorgestellt habe. Von Mitte September bis Mitte Oktober seien so in Wien über 5.900 Tests gemacht worden. "Das hat funktioniert und zur Beruhigung des Systems beigetragen." Derzeit würden Antigen-Tests, die im Sommer noch gar nicht verfügbar waren und jetzt erst von den Gesundheitsbehörden validiert wurden, an Lehrerinnen und Lehrern durchgeführt. Des Ministers Fazit: "Alles hat seine Geschichte, warum nicht alles sofort passieren kann."

Ist die Gurgelstudie aussagekräftig?

Der Monitoring-Studie zufolge sind 0,4 Prozent der Schüler und des Lehrpersonals (unwissend) Corona-positiv. "Diese Studie hat uns eine gewisse Klarheit gebracht, wie stark die Prävalenz in der Altersgruppe der 6- 14-Jährigen ist. Wir werden das dann mit der Prävalenz in der Gesamtbevölkerung kontrastieren". Derzeit warte man noch auf die Ergebisse aus der letzten Woche seitens der Statistik Austria. "Das müssen wir auch machen, um zu wissen: Sind 40 Infektionen unter 10.000 Schülern plus Lehrerinnen viel oder wenig? Das ist eine Frage, Herr Mohr, die Sie auch nicht so locker beantworten können."

In Relation zur Schärfe des Lockdowns klinge es nach wenig, so der Moderator. Seine nächste Frage:

Sollen Kinder (ab Dienstag) möglichst auch in die Schulen gehen?

"Ich habe immer deutlich gesagt, Kinder, die eine Betreuung brauchen, können diese in der Schule wahrnehmen. Kinder, die eine Lernunterstützung brauchen, sollen dies ebenfalls tun." Insbesondere bei Kinder und Jugendliche aus bildungsferneren Haushalten [...] gelte es, die auch vom Wiener Bildungsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) angesprochene Bildungsschere zwischen einkommensstarken und -schwachen Haushalten zu verhindern. "Ich würde die Eltern ersuchen, selbst und kritisch zu überprüfen, ob das notwendig ist, oder eine andere Situation zu Hause eine günstigere ist für ihre Kinder."

Wie groß ist die Bildungsschere im ersten Lockdown im März auseinander gegangen?

"Das kann man so nicht sagen, denn die Bildungsschere schließt sich ja auch wieder, wenn man entsprechend Förderunterricht anbietet", betont der Minister. Hier gebe es genügend Angebote – auch für die kommenden 14 Schultage. Er wolle dazu keine endgültigen Zahlen nennen, aber: "Da wäre ich jetzt nicht zu pessimistisch. Wir haben ein Programm entwickelt und es auch in der Hinterhand, dass wir dann gerade bei jenen, die vielleicht nicht so gut mit Distance Learning umgehen können, ganz gezielten Förderunterricht anbieten." Hier könne das Bildungsministerium auch auf EU-Mittel zurückgreifen, "um die sozialen und pädagogischen Folgen der Pandemie zu bekämpfen."

"Das ist eine schwierige Zeit und ich wüsste auch nicht, welche Alternativen es gibt", so Faßmann. "Wir müssen schauen, dass wir nachher die Folgen der Pandemie beseitigen und ich glaube, das können wir tun."

Ist der Fernunterricht für sozialschwache Haushalte ein größerer Nachteil als für andere?

"Ja. Das ist empirisch erwiesen", erklärt der Politiker. Aus diesem Grund müsse die Schule dann kompensatorisch einschreiten und spezifischen Förderunterricht anbieten. "Das ist in Planung."

Wird in den Schulen Equipment bereitgestellt, oder sollen Kinder einen privaten Laptop in der Schultasche mitnehmen?

"Aber nein, Herr Mohr. Nicht so umständlich denken und fragen", kontert Faßmann mit einem Schmunzler. "Das kann man ganz gut machen. In der Schule stehen Geräte, wir werden Lernstationen einrichten". Die Schulen würden Sorge tragen, dass an diesen in Ruhe gearbeitet werden könne. Zusätzlich stünden Betreuer für etwaige Fragen und anderes zur Verfügung. "Bei einem guten Willen können wir sicherlich dafür sorgen, dass genau jene, die vielleicht dann Bildungsverlierer wären, auch eine gute Chance haben, in dieser Phase weiterzukommen.

Gibt es unterschiedlichen Lernstoff für Kinder daheim und jene in den Schulen?

Beide Gruppen würden in den kommenden drei Wochen den gleichen Abschnitt im Lehrplan und die selben (Haus-)Übungen bekommen. Über Distance Learing werde das dann zu Hause abgewickelt und von jenen in der Schule eben dort. Lehramtsstudierende würden währenddessen auch in den Institutionen als Betreuer einspringen. Und: "Ich habe der Gewerkschaft zugesagt, dass wir Mehrdienstleistungen, sprich Überzeit, gewähren werden. Da werden wir nicht auf jeden Euro achten, mit ist das Fortkommen der Kinder in dieser Situation sehr viel wichtiger."

Volksschulen: Sind die Lernpakete samt Einbindung der Eltern mit deren Berufstätigkeit vereinbar?

Die Lernpakete seien an den Volksschulen Usus, da elektronische bzw. digitale Möglichkeiten mit so kleinen Kindern viel schwieriger seien, so Faßmann weiter. "Das sind zum Teil selbsterklärende Arbeitsblätter, die man hier ausfüllen kann. Natürlich fragen dann Kinder Vater oder Mutter: 'Ist das richtig gemacht?'. Ich weiß, das ist eine zusätzliche Belastung für die Eltern zum Home Office. Aber abermals: Ich wüsste nicht, welche Alternative wir in dieser schwierigen Zeit wählen sollen".

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