Kiga-Pädagogin: "Kinder wurden fiebernd abgegeben"

Während der Corona-Krise wurden laut einer Pädagogin Kinder mit Fieber und Husten in die Betreuung gegeben.
Während der Corona-Krise wurden laut einer Pädagogin Kinder mit Fieber und Husten in die Betreuung gegeben.iStock/Symbolbild
Fiebernde und hustende Kinder, kein Mund-Nasen-Schutz und zu wenig Desinfektionsmittel: Eine langjährige Kindergarten-Pädagogin erzählt aus ihrer Sicht von der Corona-Krise.

Sabine M. (Name geändert) ist seit rund 25 Jahren Pädagogin mit Leib und Seele. Doch die Unzufriedenheit unter den Kolleginnen im städtischen Kindergarten steigt. Schuld daran ist nicht nur – aber auch – die Corona-Krise: "Wir hatten Kinder, die mit 39 Grad Fieber, Halsweh oder starkem Husten bei uns abgegeben wurden. Wir hatten aber keine Schutz-Ausrüstung, keinen Mund-Nasen-Schutz und auch zu wenig Desinfektionsmittel – vor allem in den ersten fünf Wochen", so die Wienerin, die anonym bleiben möchte. "Wir haben auch viele ältere Mitarbeiterinnen, die ihre eigenen Enkel zwar nicht sehen durften, dafür aber mit fremden, kranken Kindern in Kontakt kamen. Zudem betreuen wir auch Kinder von Ärzten und Krankenschwestern, die leicht Überträger sein können", meint Sabine M.

Auch den Umgang mit einer Covid19-infizierten Kollegin (an einem anderen Standort) kritisiert die Pädagogin: "Ihr Mann und auch sie selbst hatten Fieber und starken Husten. Es wurde aber nur der Mann getestet, dieser war positiv. Nach etwa 1,5 Wochen Quarantäne war die Kollegin wieder im Einsatz. Obwohl sie vorher Kinder betreut hatte, wurden weder Kinder noch Kolleginnen getestet. Man hätte zumindest die Kinder stichprobenartig testen müssen."

"Wir werden einfach allein gelassen" - Pädagogin

Überrascht wurden die Kindergarten-Leitungen offenbar mit der Nachricht, dass ab 18. Mai wieder alle Kinder betreut werden: "Wir haben das aus den Medien erfahren. Zuerst hieß es ja seitens des Ministeriums, dass nicht mehr als 15 Kinder in eine Gruppe kommen. Aber dann meinte die Abteilungsleitung plötzlich, ab Montag werden wieder alle Kinder betreut. Die Leiterinnen waren überrumpelt, und es kam zu Problemen in der Organisation wie zu wenig bestellte Essen usw.", erklärt Sabine M. Besonders ärgerlich für die Pädagogin: "In der Schule gibt es eine klare Linie in Bezug auf die Schutz-Maßnahmen. Bei uns nicht, jede Leitung musste das selbst organisieren. Die Kindergärten werden mit Füßen getreten, wir wurden und werden einfach allein gelassen." 

Abgesehen von der Corona-Krise werden auch die Arbeitsbedingungen immer schwieriger: "Auf dem Papier haben wir keinen Personalmangel, aber in der Realität sehr wohl. Es gibt viele Mitarbeiterinnen, die im Langzeit-Krankenstand sind, etwa ein Burnout haben, die fehlen. Aber es gibt keine Reserve, niemand kommt nach. Auch bei den Assistentinnen gibt es einen akuten Mangel."

Arbeitsbedingungen werden immer schwieriger

Auch die Arbeit mit den Kindern und die Kommunikation mit den Eltern wird immer schwieriger: "Das 'Tanten-Klischee' – die spielen und basteln ja nur ein bissi mit den Kindern – stimmt schon lange nicht mehr. Früher waren wir familien-ergänzend, heute sind wir teilweise familien-ersetzend. Viele Kinder bekommen die Werte von Zuhause nicht mehr mit, die müssen wir ihnen ganz neu vermitteln. Ein weiteres Problem ist, dass manche Eltern einfach keine Grenzen setzen. Manche Kinder sind wie kleine Tyrannen. Es gibt Dreijährige, die einem ins Gesicht spucken und beschimpfen. Diesem Kind muss ich klar sagen, so geht das nicht. Wir sind dem jeden Tag ausgesetzt. Manchmal gehe ich weinend aus dem Kindergarten, weil ich es nicht mehr aushalte. Der Job ist ein hartes Brot geworden."

Trotz all der Widrigkeiten liebt Sabine M. ihren Beruf: "Wir tun unser Bestes, stehen an vorderster Front, aber wir können nicht mehr, als arbeiten. Ich pack' nicht, dass wir meist als die 'Bösen' dargestellt werden. Natürlich gibt es auch schwarze Schafe bei uns, aber der Großteil ist bemüht. Das Schöne ist, dass es unter den Kindern oft ungeschliffene Diamanten gibt, richtige Schätze. Man kann aus diesen Kindern so viel herausholen, wenn man Zeit investiert. Aber die habe ich nicht. Wenn ich mit drei Kindern in Ruhe ein Bilderbuch anschauen möchte, dann stören andere. Es fehlt einfach eine zweite Pädagogin in der Gruppe. Eine Option wäre auch, einfach die Gruppen kleiner zu machen", meint die Pädagogin abschließend.

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