Wien

Anrainer wollten Obdachlosen-Heim in Wien stürmen

Eine Winterquartier für Obdachlose in Simmering lässt bei Anrainern die Wogen hoch gehen. Die Nerven liegen blank, der Samariterbund beruhigt.
Heute Redaktion
10.03.2022, 11:19

"Seit die Einrichtung hier ist, ist es wirklich schlimm geworden", erzählt Anrainerin Magdalena. Manuela stimmt ihr zu: "Die Männer lungern auf den Bänken herum und sind ständig alkoholisiert. An den Bankomaten schnorren sie andere an." Auch Philipp wohnt in der Nähe. So wie jetzt sei es früher nie gewesen, klagt er. "Manche kommen sogar extra her, weil sie wissen, dass man hier gut trinken und feiern kann." Zahlreiche Beschwerden hätten auch sie bereits erreicht, berichten die stellvertretende Bezirkschefin Katharina Krammer und Gemeinderat Wolfgang Kieslich (beide FPÖ), die sich selbst ein Bild von der Lage gemacht haben. "Die Betrunkenen bieten Kindern Alkohol an und erklären ihnen, sie sollen trinken, weil aus ihnen sowieso nichts wird", so Kieslich. 

"Eltern schicken Kinder nicht mehr alleine zur Schule"

In unmittelbarer Nähe der Unterkunft befinden sich eine Mittelschule und eine Volksschule. "Eltern trauen sich nicht mehr, ihre Kinder alleine zur Schule zu schicken", sagt Gemeinderat Kieslich. Er habe auch Bedenken, dass künftig Geflüchtete aus der Ukraine von Obdachlosen angepöbelt werden könnten. Die FPÖ fordert, das Heim schnellstmöglich wieder den Pensionisten zur Verfügung zu stellen und hat dazu zwei Anfragen für die Sitzung der Bezirksvertretung gestellt. "Wir wollen niemanden schlecht machen, sondern lediglich, dass die Bevölkerung in Ruhe leben kann", betont Krammer. Vor allem wolle man verhindern, dass das Quartier im nächsten Winter wieder eingerichtet wird.

Wohnungslose zogen vorübergehend in Pensionistenwohnheim

Wie jeden Winter wurden auch heuer Notquartiere für Wohnungslose in den kalten Monaten eingerichtet – unter anderem im Haus Haidehof in der Rzehakgasse. Das eigentlich als Pensionistenwohnhaus genutzte Gebäude stand vorübergehend leer, unter Ankündigung einer Generalsanierung des Haidehofes. Diese wurde aufgrund coronabedingter Bauverzögerungen vorerst verschoben. Der Fonds Soziales Wien fragte an, ob man das leer stehende Wohnheim als Notquartier nutzen konnte. Noch bis Mai leben 130 Wohnungslose im Haus. Seit Kurzem finden gegenüber außerdem geflüchtete Personen aus der Ukraine Platz. Betrieben wird das Haus vom Samariterbund.

Beim Lokalaugenschein von "Heute"waren keine Menschen auf der Straße zu sehen. Die Stimmung unter den Anrainern war aufgeheizt, die Wogen gingen hoch. Laut Aussage des Samariterbundes versuchten einige Bewohner in der Folge sogar die Unterkunft zu stürmen – ein Security-Mitarbeiter konnte sie daran hindern. 

"Können die Leute nicht einsperren"

Der Samariterbund beruhigt: Seit Dezember sei man im laufenden Austausch mit dem Bezirk, der Polizei und den umliegenden Schulen. Auch die Straßensozialarbeit ist im Einsatz, im Haus sorgt ein Security für Sicherheit. Aber, so eine Sprecherin, einsperren könne man die Menschen nicht: "Sie sind es gewohnt, sich frei zu bewegen. Eine Einschränkung dieser Freiheiten wäre aus ethischer Sicht fragwürdig. Sollte sich jemand bedroht fühlen, bitten wir darum, die Polizei zu rufen. Uns ist ein gutes Miteinander sehr wichtig." Eine Anzeige habe es bisher noch nicht gegeben. In der Einrichtung könne Leuten geholfen werden, die im Winter Gefahr laufen, auf der Straße zu erfrieren. 

Sozialarbeiter sind unterwegs

Hinweisen werde nachgegangen, Sozialarbeiter seien dafür unterwegs. Ein Sprecher des Fonds Soziales Wien weist neben der Zusammenarbeit mit dem Bezirk auch auf die Initiative "Gemeinsam sicher" hin, mit der man ständig vernetzt sei. "Der Aufenthalt im öffentlichen Raum an sich ist natürlich gestattet. Die Mitarbeiter sensibilisieren die Nutzer hinsichtlich gebührenden Verhaltens im öffentlichen Raum. Bei etwaigem grobem Fehlverhalten durch Nutze des Notquartiers und sollte sich jemand bedroht fühlen, ist die Polizei zu verständigen", heißt es. Bezirksvorsteher Thomas Steinhart (SP) war für ein Statement nicht zu erreichen.

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