Kinderbücher sollen nicht vor Fremden warnen

(Quelle: Twitter/Keystone/iStock/20Min)
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Eine Autorin meint: Kinderbücher, die vor Fremden warnen, gehören verbannt. Hat sie recht? Experten erklären, wie Gewaltprävention bei Kindern geht.
Viele Eltern trichtern es ihrem Nachwuchs ein, Dutzende Kinderbücher setzen darauf: "Geh niemals mit einem Fremden mit." Diese Botschaft sei fatal, schreibt die deutsche Autorin Luise Strothmann jetzt in der TAZ.

Es handle sich um "Handlungsratschläge an potenzielle Opfer". Sie fordert Eltern deshalb dazu auf, solche Bücher aus den Kinderzimmern zu verbannen.

Negatives erwartet

In einer Großstadt begegne ein Kind fast ausschließlich Fremden – von der Gemüsehändlerin, die frage, ob das Kind einen Apfel möchte, bis zum Jugendlichen, der hinterherrufe, weil ein Handschuh liegen geblieben sei. "Was für eine Gesellschaft entsteht, wenn wir Kindern beibringen, dass von Fremden grundsätzlich Schlechtes zu erwarten ist?"

Die Botschaft "geh niemals mit einem Fremden mit" suggeriere zudem fälschlicherweise, dass "jedes Kind auf sich selbst aufpassen" müsse. Sollten Kinder mal in eine gefährliche Situation gelangen, würden sie sich folglich mitschuldig fühlen. Erziehung sollte deshalb nicht mit Ängsten, sondern mit Ermächtigung arbeiten.

CommentCreated with Sketch.6 Zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Sowieso fänden 30 Prozent der Missbrauchsfälle im engsten Familienkreis und nicht durch Fremde statt. Deshalb plädiert Strothmann dafür, dass Kindern "angstlos" beigebracht werde, Empfindungen zu äußern, über den eigenen Körper und über Nähe und Distanz zu entscheiden.



"Selten einen solchen Bullshit gelesen"

Die Argumentation löst in sozialen Medien Unverständnis aus. So schreibt eine Twitter-Userin, sie habe "selten einen solchen Bullshit" gelesen: "Wir hatten im Ort mehrfach einen Autofahrer, der gezielt Kinder ansprach. Misstrauen gegenüber Fremden ist für Kinder überlebenswichtig." Ein anderer Nutzer schreibt: "In meiner Kindheit gab es einen Entführungsversuch. Wäre uns nicht hundertprozentig eingebläut worden, uns zu entfernen, zusammen zu bleiben und Menschenmengen anzusteuern, wäre wohl einiges anders ausgegangen ..."

Andere sehen die Botschaft differenzierter. "Kinder müssen ein gesundes Misstrauen gegenüber Fremden haben. Natürlich muss man ihnen ebenfalls erläutern, dass ihr Körper ihnen und nur ihnen gehört. Aber das schließt sich doch nicht aus!", schreibt eine Twitter-Nutzerin.

"Gesunde Gefahrenerkennung ist wichtig"

Ellen Girod, freie Journalistin und Betreiberin des Blogs "Chez Mama Poule", begrüßt die Debatte, die der Artikel ausgelöst hat: "Kindern Gewaltprävention zu vermitteln ist ein sensibles Thema", sagt sie. "Es ist deshalb wichtig, dass darüber gesprochen wird." Im Grunde gehe es darum, den Kindern ein gesundes Misstrauen zu vermitteln, ohne aber unsere Ängste auf sie zu übertragen.

In vielen Punkten sei sie mit der Autorin einverstanden, auch wenn der Artikel bewusst provokant geschrieben worden sei. Viele hätten den Beitrag wohl falsch verstanden: "Strothmann schreibt ja nicht, dass man seine Kinder nicht vor potenziell gefährlichen Menschen warnen soll. Es geht vielmehr darum, den Kindern eine gesunde Gefahrenerkennung beizubringen, ohne ihnen für ihr Verhalten die Schuld zu geben." Das wäre dann "Victim Blaming".

Bei ihren Kindern hält es Girod so: "Solange sie klein sind, haben wir die Regel, dass sie nur zu jemandem gehen dürfen, wenn Mama oder Papa dabei sind." Damit lenke sie den Fokus nicht auf den "Fremden". Außerdem würden so auch keine Schuldgefühle entstehen, weil die Verantwortung bei der Bezugsperson liege, sollte etwas schieflaufen.

"Kinder brauchen Strategien"

Heidi Simoni, Psychologin und Leiterin des Schweizer Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind, sagt zu "20 Minuten", der Beitrag von Strothmann erläutere einen wichtigen Aspekt, sei aber zu einseitig: "Es ist tatsächlich wenig hilfreich, Ängste zu schüren. Dennoch muss Kindern die Bedeutung von Vorsicht vermittelt werden."

Laut Simoni sind Kinderbücher ein möglicher Anlass, um mit den Kindern über potenziell bedrohliche Situationen zu sprechen: "Eltern machen nichts falsch, wenn sie solche Bücher nutzen. Jedoch ist es ganz wichtig, dass die Diskussion über die Bücher hinaus geführt wird und Situationen angesprochen werden, wo die Gefahr nicht vom Fremden, sondern von bekannten Personen ausgeht."

Simoni rät Eltern, ihren Kindern beizubringen, auf ihr Gefühl zu hören. "Weil bei Kindern in gefährlichen Situationen die Neugier siegen kann, brauchen sie aber auch eine Bremse im Kopf." Die Verantwortung liege zwar immer bei den Erwachsenen, aber Kinder sollten sich nicht ohnmächtig fühlen. "Kinder brauchen Strategien, wie sie mit ungewohnten, potenziell gefährlichen Situation umgehen sollen und sich selber schützen können."

(mm/20 Minuten)

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