Dreßen bezwang am 20. Jänner ein letztes Mal die legendäre Streif in Kitzbühel. Der 30-Jährige wagte sich über die gefährlichste Abfahrt der Welt, wurde im Ziel von seinen Teamkollegen in die Pension verabschiedet. Auf genau der Strecke, auf der er seinen größten Erfolg feierte: 2018 mit der klassischen Abfahrt sein erstes von fünf Weltcuprennen gewann. Zuvor begründete Dreßen, der im österreichischen Scharnstein lebt, sein vorzeitiges Karriereende mit der Tatsache, dass er nicht "hinterhergurken" wolle. Von seinem schweren Sturz in Beaver Creek 2018 und einer Kreuzband-Verletzung konnte sich Dreßen nie richtig erholen. Zwischen März 2020 und November 2022 bestritt der deutsche Speed-Star bloß ein einziges Rennen – die WM-Abfahrt 2021.
Mittlerweile ist Dreßen aber schon längst in der Ski-Pension angekommen. "Es ist ungewohnt, aufzustehen und keinen festen Plan zu haben, mit Training und Aufgaben. Ich kann bewusst in den Tag hineinleben", erzählte der 30-Jährige "Sport1", fügte aber schnell an: "Auch wenn die Tochter den Zeitplan vorgibt. Aber ich genieße den Moment." Den Skisport vermisse der Speed-Star nicht, die Menschen im Ski-Zirkus aber schon.
Mit Wehmut blickt der Sieger von fünf Weltcuprennen lediglich auf Kitzbühel zurück. "Eine zweite Gams daheim wäre schon schön", sagte Dreßen, der erzählte, dass seine Hahnenkamm-Siegertrophäe aus dem Jahr 2018 "daheim neben dem Fernseher" steht. "Weil ich so stolz auf sie bin. Da wird sie wahrscheinlich auch immer bleiben", fügte der nun Zurückgetretene an.
"In Wengen habe ich gemerkt, dass es nicht mehr geht. Und dann hatte ich nicht viel Zeit, weil Kitzbühel ja am nächsten Wochenende war. Für mich stellte sich die Frage: Willst du ein Abschiedsrennen? Das wollte ich. Aber dann war die Frage nach dem Wo? Schnell war klar, wir machen es in Kitzbühel. Das ist für mich immer das wichtigste Rennen gewesen. Und ich bin heilfroh, dass alles so geklappt hat", erzählte Dreßen weiter.
Heilfroh sicher auch deshalb, weil der Ski-Weltcup gerade von einer echten Verletzungswelle geplagt wird. Marco Schwarz, Petra Vlhova, Aleksander Aamodt Kilde, Sofia Goggia, Alexis Pinturault, Corinne Suter oder Joana Hählen – sie alle haben sich seit Ende Dezember schwer verletzt und mussten die Saison vorzeitig beenden.
Viel mehr liegt Dreßen aber der Klimawandel im Magen. "Der ist generell kritisch für den Wintersport. Er ist angewiesen auf kalte Temperaturen. Deswegen ist den Wintersportlern der Klimawandel nicht egal, sie legen sogar am meisten Augenmerk auf das Klima", führte Dreßen aus, richtete ebenso Warnungen an den Ski-Weltverband: "Die FIS muss aufwachen, was den Rennkalender angeht."
Gleichzeitig unterstrich der Deutsche, dass die frühen Termine in Sölden (Ende Oktober) und Zermatt (Mitte November) durchaus beabsichtigt seien. "In Zermatt wäre ein Rennen zum Beispiel möglich gewesen, doch die Wettersituation hat es nicht zugelassen", erklärte der Sieger von fünf Weltcuprennen, hielt aber auch fest: "Generell geht nichts mehr ohne Kunstschnee. Aber welcher Sport kommt schon ohne Strom aus? Dann müssen sich alle Sportarten hinterfragen. Formel 1 wird auch in der Nacht unter Flutlicht gefahren, das Champions-League-Finale findet auch abends unter Flutlicht statt. Verbieten und Abschaffen ist nicht die Antwort. Ganz besonders, wenn, wie im Wintersport, Kinder in der dunklen Jahreszeit an der frischen Luft in Bewegung gebracht werden", führte der zurückgetretene Deutsche weiter aus.
Gleichzeitig sorgt sich Dreßen auch um den Nachwuchs. "Es wird nicht leichter, die Kinder und Eltern zu begeistern", meinte der 30-Jährige vor dem Hintergrund der stark gestiegenen Preise. Gleichzeitig müsse man die Seilbahnbetreiber ebenso verstehen. Letztendlich müssen es die Eltern finanzieren. "Die Kinder sollten Freude finden und nicht Druck von den Eltern bekommen – das war bei mir auch nie der Fall", so der deutsche Speed-Star.