Seit zwölf Jahren ist Richard J. (Name geändert) als Zugbegleiter tätig – und das mit Leidenschaft. "Ich liebe meinen Beruf immer noch. Obwohl es immer schwieriger wird", berichtet er im Gespräch mit "Heute". Der 43-jährige möchte anonym bleiben und auch nicht verraten wo er arbeitet – darum ginge es gar nicht.
Dass der Beruf nicht immer rosig ist, kann Richard J. aus eigener Erfahrung sagen. In seinen Arbeitsjahren habe er bereits viel erlebt, von verbalen bis hin zu körperlichen Übergriffen. "Drei Mal wurde ich wirklich angegangen", erzählt er. "Einmal habe ich einen Fahrgast darauf hingewiesen, dass er in der falschen Klasse sitzt. Er ist ohne jegliche Vorwarnung aufgestanden und hat mir einfach mitten ins Gesicht geschlagen." Andere Fahrgäste halfen dem Verletzten, riefen Polizei und Rettung, die übernahmen. "Ich habe anfangs gar nicht realisiert, was passiert war. Erst später habe ich gemerkt, dass es schwerwiegender ist als gedacht."
Richard J. erlitt eine Kieferprellung, die Wange war aufgeplatzt und musste im Krankenhaus genäht werden. Ein vierwöchiger Krankenstand folgte sowie psychologische Unterstützung die der Arbeitgeber bereitstellte. Eine Entschädigung bekam er allerdings nicht. "Das Verfahren wurde eingestellt, da der Mann psychisch krank war. Ich hätte privatrechtlich noch klagen können, aber mit geringen Erfolgsaussichten."
Es sollte nicht bei einer brenzligen Situation bleiben. "Ich wurde auch schon mit dem Messer bedroht. Ein Mann zückte es ganz plötzlich bei der Fahrscheinkontrolle. Ein anderes Mal hat jemand im Zug randaliert, gegen Fahrgäste getreten, es war Chaos. Da weiß man gar nicht, wem man zuerst helfen soll", erinnert sich der Wiener. Nach derartigen Vorfällen wieder in das Fahrzeug einzusteigen kostet Mut: "Man hat anfangs ein mulmiges Gefühl und wird vorsichtiger. Manchmal fragt man sich, wie lange man das noch aushält."
Denn die Aggressivität der Fahrgäste nimmt stetig zu – das beobachtet Richard J. zumindest. "Die Entwicklung begann schon vor Jahren, aber seit der Coronakrise geht es noch steiler hinaus. Niemand will mehr irgendetwas akzeptieren, der Respekt geht verloren. Die Leute interessieren sich nur für sich selbst und für niemand anderen." Auch verbal musste Richard J. bereits viel ertragen: "Man muss sich einiges anhören. Von 'Schleich di', 'Was willst du von mir' bis hin zu Schimpfworten. Manche Kollegen gehen daran zu Grunde."
Für ihn selbst kommt ein Jobwechsel nicht in Frage: "Ich liebe das, was ich tue. Und es ist immer noch ein Großteil der Fahrgäste sehr freundlich." Doch wie kommt man mit Krisensituationen klar? "Ich kann mich sehr gut abgrenzen", so der 43-jährige. "Ich mache das mit der Uniform. Wenn ich sie zuhause ablege, lasse ich alles andere in der Arbeit. Aber das braucht Übung. Es tut auch gut, sich mit Kollegen auszutauschen und wichtig ist ein soziales Netz."
Was er neuen Kollegen empfiehlt? "Vorsicht und Eigenschutz. Nichts riskieren", so Richard J. "Wir hatten es früher leichter, wir konnten reinwachsen. Jetzt ist es oft schon nach einer Woche im Job so, dass etwas passiert. Da ist es wichtig, auf sich aufzupassen." Und er hat noch einen Appell an alle "Randalierer": "Sie sollten mal darüber nachdenken, ob sich das auszucken wirklich so auszahlt. Denn oft ist es völlig grundlos."
Gewalt am Arbeitsplatz nimmt weltweit zu – das bestätigten die Gewerkschaften vida und GPA, die Arbeiterkammer Wien und der Weisse Ring im Rahmen einer internationalen Gewaltpräventionstagung. Der steigende Wettbewerb, eine aggressivere Gesellschaft, die Pandemie und ihre Folgen sowie die explodierende Teuerung würden die Menschen immer mehr unter Druck setzen. Besonders betroffen seien Beschäftigte in Dienstleistungsberufen und im Verkehrssektor. Wichtig wäre, so die Experten, mehr Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen, Themen- und Problemfelder anzusprechen und konkrete Informations- und Serviceleistungen aufzuzeigen. Vorfälle, Übergriffe müssten systematisch erfasst, Präventionsmaßnahmen und Schulungen zur Deeskalation angeboten und Opfern bei der Bewältigung ihrer teils traumatischen Erfahrungen geholfen werden.
"ArbeitgeberInnen haben die Pflicht, Arbeitsbedingungen im Betrieb zu schaffen, die der Gewalt den giftigen Nährboden entziehen. Sie müssen gezielte Schutzmaßnahmen ergreifen, um das Gewaltrisiko für die ArbeitnehmerInnen zu reduzieren – und zwar bevor Gewalt entsteht", fordert AK-Präsidentin Renate Anderl. "Ein weiterer, längst überfälliger Schritt ist die Ratifizierung des ILO-Übereinkommens 190 gegen Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz: Das ILO-Übereinkommen schützt alle ArbeitnehmerInnen. Die österreichische Bundesregierung muss dieses Übereinkommen endlich ratifizieren."
ÖGB-Vizepräsidentin Korinna Schumann betonte die Notwendigkeit von Betriebsvereinbarungen für die Prävention: "Für Gewalt gegen Frauen darf es null Toleranz geben, das gilt auch für das Arbeitsleben. Die Rolle der BetriebsrätInnen und PersonalvertreterInnen ist in der Prävention besonders wichtig. Betriebsvereinbarungen sind ein zentrales Instrument, um Gewalt am Arbeitsplatz entgegenzuwirken. BetriebsrätInnen und PersonalvertreterInnen sind es aber auch, die tagtäglich für die KollegInnen da sind und verantwortungsvolles Führungsverhalten einfordern."
Udo Jesionek, Präsident des Weissen Rings, sprach die Vorteile von Kooperationen zur Eindämmung der Gewalt im Job an: "Viele Betroffene wissen leider weder über ihre Rechte als Opfer noch über die Möglichkeiten, sich Hilfe und Beratung zu holen, Bescheid. Ich sehe in dieser Kooperation einen wichtigen Schritt, allen Opfern von Gewalt den gleichen Zugang zu ihren Rechten zu ermöglichen."