Die Akte ist 35 Seiten dick - und bringt neue Vorwürfe ans Licht der Öffentlichkeit: Der ehemalige spanische Fußballverbandspräsident Luis Rubiales hat nach dem WM-Finale der Frauen im August offenbar auch englische Fußballerinnen aufdringlich berührt. Und in einem Fall geküsst.
Dies geht aus der schriftlichen Begründung der Sperre der FIFA-Disziplinarkommission hervor, die der Fußball-Weltverband nun veröffentlichte. Rubiales war nach Verhandlungen im Oktober wegen der vielbeachteten Kuss-Affäre rund um das Endspiel für drei Jahre gesperrt worden. Seine Verteidiger weisen die neuen Anschuldigungen zurück.
Diese finden sich auf Seite 13 des Dokuments und haben es durchaus in sich. Eine schriftliche Stellungnahme der englischen Verbandspräsidentin Debbie Hewitt wird zitiert. Rubiales habe das Gesicht der englischen Nationalspielerin Laura Coombs "umfasst und gestreichelt", was der FA-Chefin "etwas seltsam" vorgekommen sei. Anschließend habe er "offensichtlich energisch" Teamkollegin Lucy Bronze geküsst.
Auf Fotos ist zu sehen, wie Rubiales Bronze in beide Arme nimmt, sein Mund befindet sich an ihrem Ohr. Rubiales, der nachweislich die spanische Weltmeisterin Jennifer Hermoso im Rahmen der Siegerehrung übergriffig auf den Mund geküsst hatte und von seinem Posten als Chef des spanischen Verbandes RFEF erst nach einem großen Sturm der Entrüstung zurückgetreten war, wehrte sich über seiner Verteidiger gegen Hewitts Vorwürfe.
Diese habe "eine Geste des Zuspruchs so gedeutet, dass der Angeklagte ein widerlicher Mensch" sei. Diese Interpretation sei "ekelhaft". Die FA-Präsidentin habe außerdem "absichtlich oder fahrlässig" einige Tatsachen ausgelassen.
Rubiales versuchte, sich mit dem Hinweis zu entlasten, dass Bronze "nicht nur in Spanien spielt, sondern wenige Monate zuvor auch den spanischen Super Cup gewonnen" habe. Coombs wiederum habe sich "im Finale verletzt", sei genäht worden und habe einen Verband am Kopf tragen müssen. Rubiales als mitfühlender Tröster? Nun, Coombs war im Endspiel gar nicht zum Einsatz gekommen, er verwechselte sie offenbar mit Alex Greenwood.
Die FIFA verurteilte Rubiales' Verhalten in der Urteilsbegründung scharf und sah sich gar versucht, eine striktere Strafe auszusprechen, wozu es letztlich aber nicht kam. Die Kommission könne "nicht genug betonen", dass Rubiales' Verhalten "unentschuldbar und inakzeptabel" gewesen sei - ungeachtet der emotionalen Verfassung, in der er sich während des Spiels und danach befand. Insbesondere vor dem Hintergrund seiner wichtigen Funktion im Fußball-System, so die Kommission.
Rubiales hatte unmittelbar nach seiner Verurteilung eine Berufung angekündigt. "Ich werde sogar so weit gehen, den Fall vor das höchste Gericht zu bringen, um sicherzustellen, dass Gerechtigkeit herrscht und die Wahrheit ans Licht kommt", schrieb er Ende Oktober bei X.