Ein unachtsamer Zuschauer hat bei der Tour de France einen heftigen Massensturz ausgelöst. Auf der 15. Etappe der Frankreich-Rundfahrt kamen am Sonntag zahlreiche Fahrer im Peloton zu Fall, nachdem der US-Amerikaner Sepp Kuss am Arm eines Fans am Streckenrand hängen geblieben war.
Neben dem Edelhelfer des Gesamtführenden Jonas Vingegaard stürzte unter anderem deren Teamkollege bei Jumbo-Visma Nathan van Hooydonck, der Belgier konnte das Rennen aber zunächst fortsetzen.
Auch in den Tagen zuvor hatten Fans immer wieder ins Rennen eingegriffen.
Ein wenig genervt war der sonst stets gut gelaunte Tadej Pogacar dann doch. "Ich habe eine Patrone verschwendet. Das ist ein schon ein bisschen ärgerlich", sagte der Slowene im Ziel von Morzine. Was Pogacar sauer aufstieß: Im Sekundenkrimi ums Gelbe Trikot der Tour de France hatte er seinen Rivalen Jonas Vingegaard ein letztes Mal entscheidend attackieren wollen - und wurde unsanft ausgebremst.
Ein Begleitmotorrad versperrte dem 24-Jährigen den Weg. In dem dichten Fan-Spalier auf der engen Straße des Col de la Joux Plane, dem letzten Anstieg am Samstag, konnte der im Nachgang sanktionierte Motorrad-Pilot nicht schnell genug Platz machen - Pogacar musste seinen Antritt abbrechen, um eine Kollision zu vermeiden.
"Es ist, wie es ist", sagte Pogacar im Anschluss. Auch der zweimalige Gesamtsieger weiß, die Faszination der Tour de France besteht zu einem großen Teil aus der ungewöhnlichen Nähe zwischen Fahrern und Fans. Am Wochenende wurden Fluch und Segen aber deutlich sichtbar.
Auf der einen Seite stehen atemberaubende TV-Bilder und eine unvergleichliche Atmosphäre auch für die Fahrer - der abgeschlagene Franzose Benoit Cosnefroy stieg am Samstag gar vom Rad, ließ sich ein Getränk anreichen und tanzte ausgelassen mit seinem Fanclub über den Asphalt. Auf der anderen Seite kommt es zur Beeinflussung des Wettkampfs und auch immer wieder zu gefährlichen Situationen - besonders am vergangenen Wochenende.
Am Sonntag bekam das unter anderem Vingegaards Team Jumbo-Visma zu spüren: Edelhelfer Sepp Kuss blieb bei hohem Tempo am Arm eines unachtsamen Zuschauers hängen, stürzte und räumte dabei auch seinen Teamkollegen Nathan van Hooydonck ab. Dahinter kamen zahlreiche weitere Fahrer bei dem Massensturz zu Fall.
Auch am Freitag hatten die Fans den Fahrern Kopfzerbrechen bereitet. Nachdem die Profis das Rennen nach der Bergankunft auf dem Col du Grand Colombier offiziell beendet hatten, mussten sie anschließend den gleichen Weg wieder hinunterrollen, um zu ihren Teambussen zu gelangen - im allgemeinen Chaos zwischen aufgepeitschten Anhängern und Autos.
Georg Zimmermann fand dies den "unangenehmsten Teil des Tages", Wout van Aert erlebte das Hinabrollen gar als "tatsächlich lebensgefährlich". "Das muss man sich mal vorstellen", sagte Zimmermann - "bei uns ist es normal, dass wir durch das Chaos 18 km runter müssen an den ziemlich betrunkenen Fans vorbei." Er wolle, betonte Zimmermann, den Radsport-Enthusiasten gar keinen Vorwurf machen: "Aber das ist schon unangenehm".
Gänzlich verhindern lassen sich derartige Situationen bei teilweise über 200 km Strecke pro Tag sicher nicht. Bei sogenannten Evakuierungsrouten wie der Abfahrt am Freitag aber gäbe es Raum für Verbesserungen. Eine Option wäre es gewesen, die Fahrer auf einer Alternativroute ins Tal zu leiten, der Grand Colombier verfügt immerhin über vier verschiedene Wege zum Gipfel.
Und auch die unschöne Einflussnahme auf den Kampf um Gelb am Samstag hätte sich vielleicht verhindern lassen, hätte man einen größeren Teil der Strecke mit Gittern abgesperrt. Es liegt nun in der Verantwortung des Veranstalters ASO, in Zukunft Lösungen zu finden. Wie am Wochenende auf die Vernunft teils stark alkoholisierter Fans zu setzen, sollte wohl eher nicht das Mittel der Wahl sein.