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Left Alive im Test: Ein Spiel, das überleben sollte

Von Spielern wird kaum ein Titel aktuell so zerrissen wie Left Alive von Square Enix. Dabei hätte er eigentlich das Zeug, so richtig gut zu sein.

Heute Redaktion
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Kritiken der Fachpresse gibt es bisher beinahe keine, Spielerfeedback umso mehr. Und das fällt für Left Alive, den neuen Survival-Action-Shooter für PC und PlayStation 4, aus dem Hause Square Enix, wenig schmeichelhaft aus. Auf der Spieleplattform Steam bewerten den Titel nur 18 Prozent der Kommentatoren positiv, die derzeitige Wertung lautet "sehr negativ". Etwas besser sieht es für die PS4-Fassung aus: Auf Metacritic vergeben User 6,9 von 10 möglichen Punkten.

Generell wurde im Vorfeld von den Machern wenig Wind um den Shooter gemacht – und fast ebenso still wurde das Game nun veröffentlicht. "Left Alive" ("Am Leben gelassen") wird nun heftig attackiert. Schlechte Grafik, miese Synchronstimmen, veraltete Gegner-Intelligenz, Logik-Lücken und vor allem das undurchdachte Gameplay prangern die Spieler an.

Vieles davon stimmt, alles aber nicht – und wir haben im Test genug Gründe gefunden, warum Left Alive tatsächlich am Leben gelassen werden sollte. Mit ein bisschen Geduld und einigen Updates könnte dem Spiel nämlich noch eine große Zukunft bevorstehen. Deswegen möchten wir zeigen, was bei Left Alive noch gar nicht funktioniert, und was dafür jetzt schon mutig und stark umgesetzt wurde.

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"Metal Gear"-Fans werden es sofort merken, dass hier unter anderem Yoji Shinkawa von Kojima Productions und Charakterdesigner der "Metal Gear Solid"-Reihe seine Finger im Spiel hatte. Die Musik, die Soundeffekte, die Charaktere, das Gameplay, die Einblendungen und sogar der Start-Bildschirm schreien nach Metal Gear. Ergänzt wird der tolle Look durch Mech-Designer Takayuki Yanase, der bereits an Ghost in the Shell, Mobile Suit Gundam und Xenoblade Chronicles mitgearbeitet hat.

Left Alive bietet ein Setting mit eigenem Charme, das düster daherkommt und die Kälte des Überlebenskampfes und Verzweiflung gut zu vermitteln weiß. Die Charaktere und Umgebungen sind weit weg von Hochglanz-Umsetzungen großer aktueller Titel, der "dreckige" Look passt aber gut zum Inhalt des Spiels. Ebenso haben es die Entwickler geschafft, Menüs, Umgebungskarten und Herstellungsmöglichkeiten in einer einzigartigen Weise umzusetzen und dabei trotzdem alles übersichtlich zu halten.

Licht und Schatten gibt es bei der Handlung. Zuerst klingt alles super: Left Alive spielt im Universum der japanischen "Front Mission"-Strategiespiele, Hintergrundwissen braucht man aber keines. Im Jahr 2127 ist die Welt in wirtschaftliche Machtblöcke geteilt. Novo Slavia ist dabei ein Staat zwischen zwei solcher Blöcke – und wird plötzlich Schauplatz einer Invasion eines Nachbarstaats. Der Spieler erlebt dabei das Schicksal dreier Figuren. Der Mech-Pilot Mikhail überlebt ein Massaker an seiner Einheit, die Polizistin Olga untersucht die Konflikt-Hintergründe und der Rebellen-Anführer Leonid wird in eine Verschwörung seiner Truppe hineingezogen.

Gemeinsam hat das Trio, dass es nichts anderes im Sinn hat, als das Gemetzel, das sich in Novo Slavia ereignet, zu überleben. Die Story zeigt dabei toll die Übermacht des Feindes und die Hilflosigkeit der drei Figuren auf. Die tolle Story leidet leider unter der Mimik der Figuren und der Sprachausgabe. Dialoge wirken seicht, gesprochen wird oft ohne, dass sich Münder der Charaktere bewegen und Handlungen sind oftmals kaum nachvollziehbar. Generell versucht das Spiel zu stark, dem Spieler eine gewisse Meinung zum Krieg vorzugeben, ohne ihm die Freiheit zu lassen, selbst Schlüsse zu ziehen.

Das Gameplay ist das, was man als unausgereift bezeichnen würde. Dass sich Left Alive als Shooter bezeichnet, ist etwas daneben gegriffen. Im Kern schleicht man sich an gegnerischen Soldaten und riesigen Wanzern – Mech-Ungetümen mit großer Feuerkraft – vorbei. geschossen wird auch, meist aber auf den Spieler. Versucht man selbst den Rambo-Ansatz, scheitert man unweigerlich. Was eigentlich nicht schlimm und eine schöne Hommage an die "Metal Gear"-Spiele ist. Wenn nicht die Möglichkeiten so eingeschränkt wären. Gelegenheit für leise Kills hat man kaum, oft prügelt man einen Soldaten mit einem Brecheisen tot, statt in heimlich von hinten kampfunfähig zu machen.

Gleiches gilt für die herstellbaren Gegenstände. Feinde können zwar mit Molotov-Cocktails, Rauchgranaten und Fallen abgelenkt werden, dafür laufen Bewegungen wie das Rennen merkwürdig langsam ab und führen meist trotz Item-Einsatz zur Entdeckung. Zudem zickt die KI: Beim Herumschleichen wird man oft vom Feind entdeckt, ohne einen Hinweis darauf warum das geschieht. An anderer Stelle wiederum begutachtet ein Feind eine platzierte Sprengfalle oder sieht sich nach einem neben ihm einschlagenden Schuss um – und kehrt danach an seinen Ausgangsort zurück, als ob nichts passiert wäre. Und in seltenen Fällen lassen Feinde, die einen direkt im Visier haben, überraschend ihre Waffen fallen. Wiese, darüber darf man rätseln. Ob man entdeckt wird oder nicht, ist oft Zufall, denn Gegner scheinen manchmal auch durch Wände sehen zu können.

Zweifellos ist es ein guter Ansatz von Square Enix, ein gnadenloses Überlebensspiel anzubieten, das seit dem Ende der Metal-Gear-Serie schmerzlich vermisst wird. Selbst der niedrigste Schwierigkeitsgrad bedeutet in Left Alive eine enorme Herausforderung. Dennoch hätte es einen Feinschliff der Mechaniken gebraucht. So sehr wir sie begrüßen, so sehr brauchen sie ein Update. Beispiele gibt es Dutzende. So bedeutet eine Entdeckung bisher entgegen aller Logik, dass alle Gegner auf der Karte in Echtzeit wissen, wo wir gerade sind und dass wir sie nicht mehr aufhalten können.

Dazu gesellt sich eine umständliche Schussmechanik, die das Zielen schwer macht. Und die Lebensenergie der Gegner beziehungsweise das Treffer-Feedback scheint dem Zufall zu unterliegen. Besser sind da die Mechaniken, wenn man mal einen Wanzer selbst steuern darf. Dann wird das Spiel wirklich zum Shooter, die Effekte sind toll und die Steuerung präzise. Ebenso gut gefällt, dass das Verhalten im Spiel Auswirkungen auf die Story hat. In einigen Phasen und Dialogen hat man Wahlmöglichkeiten – etwa Zivilisten zu retten und dadurch in ein Feuergefecht zu geraten oder ihrer Hinrichtung zuzusehen und dafür unentdeckt zu bleiben. Die Auswirkungen sind zwar nicht groß, das direkt folgende Gameplay verändert sich aber nachvollziehbar und später bekommt man von der einen oder anderen Aktion und Figur einen schönen Storyfetzen serviert.

Bisher wirkt Left Alive noch wie der Versuch, die besten Elemente aus den "Metal Gear"-, "Xenoblade Chronicles"- sowie anderen Stealth- und Shooter-Spielen zu nehmen und zu etwas Neuem zusammenzufügen. Die technischen und spielerischen Mängel machen dem aber bisher einen Strich durch die Rechnung und es kommt Frust auf, wenn der Spieler nicht aus eigenem Verschulden, sondern wegen einer unlogisch agierenden KI oder einem eigenartigen Bewegungsablauf wieder und wieder an einer Stelle scheitert. Synchronstimmen und Grafikfehler vor allem bei Dialogen trüben auch die an sich starke Handlung.

Left Alive ist aber auch ein extrem interessanter Titel, der das Potential hat, an die Qualitäten der überragenden "Metal Gear"-Spiele heranzukommen. Deswegen bleibt die Hoffnung, dass Updates das Spiel in den kommenden Wochen und Monaten gehörig aufpolieren. Denn die Atmosphäre ist einzigartig, die Verzweiflung der Figuren im kriegszerrütteten Land spürbar. Und auch beim Gameplay blitzt die Genialität immer wieder durch. Schleicht man sich ungesehen durch einen schwer bewachten Stützpunkt, schickt man einige Soldaten mit Rauchgranaten und Ablenkungen in die Irre und besteigt man schließlich einen Mech, um alles in Schutt und Asche zu ballern, sieht man, dass Left Alive auch ein starker Mix aus Action und Stealth sein kann.