Legionär Baumgartner auf den Spuren von Haaland

Hoffenheim-Legionär Christoph Baumgartner
Hoffenheim-Legionär Christoph BaumgartnerImago Images
Zahlen lügen nicht. Hoffenheim-Legionär Christoph Baumgartner gelang eine spektakuläre Debüt-Saison. Im "Heute"-Gespräch lässt er sie Revue passieren. 
von
Erich Elsigan

Christoph Baumgartner ist aus rot-weiß-roter Sicht DER Senkrechtstarter der deutschen Bundesliga. Der 20-Jährige mauserte sich zum Stamm-Regisseur von Hoffenheim, erzielte in seinem ersten Profi-Jahr sieben Tore, legte fünf weitere auf. Von den ÖFB-Legionären waren nur Marcel Sabitzer und Martin Hinteregger erfolgreicher. Im "Heute"-Gespräch lässt Baumgartner die Saison Revue passieren.

"Heute": Herr Baumgartner, nur zwei Spieler, die jünger als Sie sind, haben 2019/20 mehr Tore erzielt: die Dortmund-Stars Erling Braut Haaland und Jadon Sancho. Sind Sie vom Gefühl her schon auf dem selben Level wie die beiden?

"Nein, das sind Spieler, mit denen ich mich noch nicht vergleiche, da bin ich noch ein Stückchen weg. Aber es ist mein Ziel, auf ihr Nivau zu kommen.“

Ein Blick auf den Marktwert gibt Ihnen Recht. Das BVB-Duo ist pro Kopf nicht unter 70 Millionen Euro zu haben, Sie sind laut transfermarkt.at "nur" 5,4 Millionen Euro wert. Da stimmt was nicht, oder?

"Da müssen die Kollegen von transfermarkt noch mal nachprüfen (lacht). Aber es ist ja so, dass die beiden schon in der Champions League aufgezeigt haben und bei einem größeren Verein spielen. Das sind absolute Top-Spieler, von denen es nur ganz wenige auf der Welt gibt. Wie gesagt, ich will auf ihr Niveau kommen. Und vielleicht bin ich ja gar nicht so weit weg, wie man es sich manchmal denkt."

Welche Zeugnisnote würden Sie sich für diese Saison geben?

"Puh, eine Zwei plus eventuell (grinst). Es war ja mein erstes richtiges Profi-Jahr: Ich habe sieben Tore erzielt und fünf Assists gegeben - darüber bin ich schon sehr glücklich. Aber wer die Spiele gesehen hat, weiß auch, dass sogar noch ein paar Treffer mehr möglich gewesen wären. Mit dem Erreichen des direkten Europacup-Platzes war es auch für die ganze Mannschaft eine super Saison. Ich kann zufrieden sein."

Es ist Ihnen ein Tor und ein Assist mit der Ferse gelungen. Haben Sie es gerne spektakulär?

"Ich mache sicher nicht immer das Erwartete. Gar nicht, weil es cool ausschaut, sondern weil es dem Zweck dient, oft die beste Lösung ist. Sicher geht es hin und wieder schief, ist ein Ballverlust dabei. Trotzdem will ich das in meinem Spiel beibehalten."

Offensiv sind Sie relativ universell einsetzbar. Ist die Zehn Ihre Lieblingsposition?

"Grundsätzlich bin ich schon sehr gern auf der Zehn. Ich mag es, frei schwimmend zu sein. Ein Zehner, der sich gut in den Räumen bewegt, ist für den Gegner schwer zu kontrollieren. Wenn ich als Mittelstürmer auflaufe, habe ich meist einen direkten Gegenspieler im Rücken. Da tu ich mir noch ein bisschen schwer. Ich komme lieber von hinten und versuche, bei der Ballannahme Tempo aufzunehmen, auf die Abwehrkette zuzugehen. In solchen Situationen habe ich Spaß."

Haben Sie ein sportliches Vorbild?

"Kevin de Bruyne ist für mich ein Topspieler auf dieser Position. Er verkörpert genau das, was als Zehner gefragt ist. Er hat eine extrem gute Orientierung, bewegt sich immer gut in den Räumen. Deshalb schaut es bei ihm oft sehr einfach aus, was er macht. Die Wahrheit ist aber, dass er sich einfach vor der Ballannahme schon perfekt positioniert und genau weiß, was er vorhat."

ÖFB-Teamchef Franco Foda hat gesagt, Sie wären beim März-Lehrgang dabei gewesen. Man kann also davon ausgehen, dass Sie künftig einberufen werden. Freut es Sie, dass die EM auf 2021 verschoben werden musste? Das erhöht die Chance, dass Sie dabei sein.

"Das wird von mir abhängen. Wenn ich eine weitere gute Saison spiele, ist es sicher ein Vorteil, weil ich dann noch ein Jahr Zeit hätte, mich im Profi-Fußball zu etablieren und nun auch im Klub internationale Erfahrung sammeln kann."

Sie haben nie in Österreich gespielt – das verbindet Sie mit David Alaba, Marko Arnautovic und Ihre Hoffenheim-Kollegen Florian Grillitsch und Stefan Posch. Muss man früh ins Ausland gehen, um ein Großer zu werden?

"Es ist kein Muss. Man muss es von Fall zu Fall gesondert sehen, zumal es auch Gegenbeispiele gibt. Man muss schauen, inwieweit der Spieler bereit für den Schritt ins Ausland ist. Es ändert sich nämlich nicht nur der Klub, sondern auch das gesamte Umfeld: Man ist von daheim weg, sieht seine Familie und Freunde nicht mehr täglich. Das sind Komponenten, die man miteinbeziehen muss. Für mich war es der richtige Weg, ich würde es wieder so machen. Bei Hoffenheim habe ich sofort eine hohe Wertschätzung gespürt, auch die Umgebung ist ähnlich wie bei mir daheim in St. Leonhard am Hornerwald im Waldviertel. Es ist ruhig, man hat Top-Bedingungen und kann sich aufs Kicken konzentrieren."

Mit Grillitsch und Posch bilden Sie das Österreicher-Trio in Hoffenheim. Angenehm, dass man hin und wieder "wie daheim" plaudern kann?

"Absolut. Wenn ich in der Kabine mit den Deutschen so rede wie mit Flo oder Poschi, wird es für sie schwer, uns zu verstehen. Es ist schon cool, wenn wir mal zu dritt am Tisch sitzen und loslegen können. Da rennt der Schmäh (lacht)."

Sie haben  in der Schule die siebente Klasse übersprungen. Sind Sie überdurchschnittlich intelligent?

"Ich habe mir in der Schule immer relativ leicht getan. Meine Mutter ist selbst Volksschul-Lehrerin und hat mich super unterstützt. Es kam irgendwann die Idee auf, dass wenn ich eine Klasse überspringe, ich mit der Akademie und der Schule zeitgleich fertig bin. Deshalb habe ich nachgefragt, ob das möglich ist. Ich habe das Okay bekommen. Rückblickend war es eine sehr gute Entscheidung, weil ich mich früher rein aufs Sportliche konzentrieren konnte. Ich habe bei anderen Spielern gesehen, dass es sehr stressig ist, zwischen Schule und Training zu pendeln.

Ihre Karriere ist jung und hoffentlich noch sehr lange. Bei welchem Klub wollen Sie irgendwann mal gespielt haben?

"Ich bin erstmal froh, dass ich mich in der deutschen Bundesliga etabliert habe. Bei einem Verein, der in den letzten Jahren drei von vier Mal international dabei war. Das ist schon ein großer Erfolg für mich. Ich will einfach weiter meine Leistung bringen und immer besser werden. Dann wird man sehen, wo die Reise hingeht."

Hoffenheim hat sich vom Trainer getrennt. "Differenzen über die Ausrichtung des Klubs", lautete der offizielle Grund. Wohin soll sich Hoffenheim Ihrer Meinung nach orientieren? Ganz nach oben?

"Der Verein hat sich super entwickelt. Als vor vier, fünf Jahren der Julian Nagelsmann übernommen hat, war Hoffenheim auf einem Abstiegsplatz. Es wird extrem gute Arbeit geleistet, auch wenn man sich die Transfers der letzten Jahre ansieht. Immer wieder werden junge Talente integriert – das gehört zum erfolgreichen Weg, den der Verein eingeschlagen hat."

Ihr Vertrag läuft bis 2023, es mangelt vermutlich nicht an Interessenten. Kann man davon ausgehen, dass Sie nächste Saison noch in Hoffenheim kicken?

"Ich fühle mich extrem wohl hier, habe viel Vertrauen bekommen. Es wird sehr sicher so sein, dass ich auch nächstes Jahr hier spiele."

Je größer der eigene Erfolg, desto größer die Popularität. Wie sieht das bei Ihnen aus, können Sie noch ungestört durch Hoffenheim schlendern?

"Hoffenheim oder Mühlhausen, wo ich wohne, sind jetzt keine Riesenorte. Es ist sehr ländlich. Wenn ich mit dem Hund spazieren gehe, spricht mich schon mal wer an. Oder jemand schaut einen im Restaurant mal etwas genauer an. Aber es hält sich alles in Grenzen, es ist hier längst nicht so extrem wie in München oder Dortmund. Und es gehört dazu – und ist ja am Ende auch eine Art Wertschätzung für das Erreichte."

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