Szene

Leiche von Kunstsammler Gurlitt wird obduziert

Heute Redaktion
14.09.2021, 15:14

Der umstrittene deutsche Kunstsammler Cornelius Gurlitt ist am Dienstag im Alter von 81 Jahren gestorben. Durch den "Kunstfund von Schwabing" erlangte er vergangenes Jahr schlagartig Berühmtheit. Gurlitt hat kurz vor seinem Tod ein Testament verfasst, wonach die Bildersammlung dem Kunstmuseum Bern vermacht wird. Der Tod Gurlitts könnte außerdem die Rückgabe-Verhandlungen verzögern, der rechtmäßige Erbe ist der neue Ansprechpartner.

Der erlangte er vergangenes Jahr schlagartig Berühmtheit. Jetzt soll die Leiche des Kunstsammlers obduziert werden um Klarheit über die Todesursache zu erlangen.

Der 81-Jährige starb am Vormittag in seiner Münchner Wohnung. Er war bereits , aber nach seiner Herz-OP und einem wochenlangen Klinikaufenthalt auf eigenen Wunsch in seine eigenen vier Wände zurückgekehrt. Dort ist er in den letzten Wochen rund um die Uhr pflegerisch betreut und versorgt worden.

Die Staatsanwaltschaft München will den Leichnam des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt obduzieren lassen. "Es gibt einen Beschluss des Amtsgerichtes für eine Obduktion", sagte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch und bestätigte einen Bericht der "Bild"-Zeitung. Die Staatsanwaltschaft habe eine Obduktion beantragt, weil eine eindeutige Todesursache nicht habe festgestellt werden können.

"Wir wollen damit klären, wie die Todesursache tatsächlich ist und ob es Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden gab", sagte Steinkraus-Koch. Bisher gebe es solche Anzeichen allerdings nicht. "Nach den uns vorliegenden Informationen war zum Todeszeitpunkt kein Arzt dabei."

Testament im Spital verfasst

Kurz vor seinem Tod hat Gurlitt im Krankenhaus ein Testament aufsetzen lassen, das ein Museum in der Schweiz als Erben festlegt . "Ich kann bestätigen, dass Herr Gurlitt vor seiner schweren Herzoperation einen Notar-Termin wahrgenommen hat", teilte Gurlitts Sprecher Stephan Holzinger am Dienstag mit. "Die Frage, was mit dem Salzburger Teil der Sammlung passiert, geht dann auf allfällige Erben über."

Gurlitt zeigt Deutschland die lange Nase

Gurlitt verfügte, dass die millionenschwere Sammlung mit Bildern dem Kunstmuseum Bern vermacht wird und die Bildersammlung weltberühmter Maler zusammenbleiben muss. Dass die Sammlung nach dem Willen Gurlitts ins Ausland gehen soll und nicht in Deutschland bleibt, kommt nach Ansicht von Raubkunst-Experten nicht überraschend. Gurlitt sei bis zu seinem Tod "empört" darüber gewesen, wie man mit ihm in Deutschland umgegangen sei.

Im Berner Kunstmuseum schlug die Nachricht von der millionenschweren Erbschaft laut eigenen Angaben ein "wie ein Blitz aus heiterem Himmel". Es bestanden "doch zu keiner Zeit irgendwelche Beziehungen zwischen Herrn Gurlitt und dem Kunstmuseum Bern". In die Freude über das große Geschenk mischt sich Unbehagen darüber, dass das Vermächtnis auch "eine Fülle schwierigster Fragen aufbürdet". Das Kunstmuseum in Bern indes hat bis zu einem halben Jahr Zeit, das Erbe offiziell anzutreten.

Rückgabe-Verhandlungen hängen von Erbantritt ab

Die Verhandlungen über die Rückgabe von Nazi-Raubkunst stehen nun still. "Es wird zu weiteren Verzögerungen kommen", sagte der Anwalt Markus Stötzel, der die Erben des jüdischen Kunstsammlers Alfred Flechtheim vertritt, am Mittwoch der dpa. "Jetzt sind wir in einem Vakuum." Bevor jemand das Erbe angetreten habe, "hängt die gesamte Verfügung in der Luft."

Der zurückgezogen lebende Mann hatte rund 1.500 verschollen geglaubte Kunstwerke in seiner Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing gehortet. Der aufsehenerregende "Kunstfund von Schwabing" soll großteils aus Nazi-Raubkunst bestehen.

Die Staatsanwaltschaft hatte die unschätzbare Sammlung dort gefunden und beschlagnahmt. Dazu zählten Werke von Picasso, Chagall, Matisse, Beckmann und Nolde. Auch im Salzburger Haus von Gurlitt wurden Kunstwerke gefunden.

Zusammenarbeit mit Experten

Noch Anfang April hatte der unter Betreuung stehende Gurlitt der deutschen Bundesregierung und dem Freistaat Bayern vertraglich zugesichert, und unter Nazi-Raubkunstverdacht stehende Werke gegebenenfalls zurückzugeben. Daraufhin hob die Staatsanwaltschaft Augsburg die Beschlagnahme der Kunstwerke auf.

Sproß einer Kunstsammler-Dynastie

Gurlitt war der Sohn des Kunsthändlers, Kunsthistorikers und Museumsdirektors Hildebrand Gurlitt und Enkel seines Namensvetters, des Kunsthistorikers Cornelius Gurlitt und Urgroßneffe des Komponisten Cornelius Gurlitt. Sein Urgroßvater war der Landschaftsmaler Louis Gurlitt, sein Onkel der Musikwissenschaftler Wilibald Gurlitt. Seine Mutter war Tänzerin. Er wuchs im Hamburger Stadtteil Dammtor zusammen mit einer Schwester auf.

Der Kunstsammler hat in den letzten Jahren in sehr zurückgezogener Weise überwiegend mit der von seinem Vater hinterlassenen Kunstsammlung und für deren Erhaltung gelebt, ohne sie jedoch durch eigene Käufe zu erweitern.

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Die Chronologie des spektakulären Kunstfundes:


22. September 2010: Der Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt wird auf einer Zugfahrt von Zürich nach München kontrolliert. Zollfahnder schöpfen Verdacht, es könne ein Steuerdelikt vorliegen.
23. September 2011: Das Amtsgericht Augsburg bewilligt einen Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss für Gurlitts Münchner Wohnung.
28. Februar 2012: Gurlitts Wohnung in München wird durchsucht. Die Fahnder entdecken rund 1.280 wertvolle Kunstwerke. Der Fund wird geheim gehalten, eine Berliner Kunstexpertin mit der Erforschung der Herkunft beauftragt.
3. November 2013: Das Nachrichtenmagazin "Focus" bringt den Fall an die Öffentlichkeit und sorgt damit für eine Sensation.
11. November 2013: Die ersten 25 Werke werden auf der Plattform "lostart.de" veröffentlicht - nach und nach folgen alle weiteren unter Verdacht stehenden Werke. Eine Taskforce wird eingesetzt, sie soll die Herkunft der Bilder erforschen.
19. November 2013: Die Behörden teilen mit, dass Gurlitt Hunderte Bilder zurückbekommen soll, die ihm zweifelsfrei gehören. Den Angaben zufolge scheiterten mehrere Übergabeversuche.
23. Dezember 2013: Es wird bekannt, dass Gurlitt unter vorläufige Betreuung gestellt wird.
28. Jänner 2014: Die Taskforce gibt bekannt, dass nach einer ersten Sichtung 458 Werke aus Gurlitts Sammlung unter Raubkunstverdacht stehen. Gurlitts damaliger Anwalt, Hannes Hartung, sagt, sein Mandant sei gesprächsbereit und an einer "fairen und gerechten Lösung" interessiert.
3. Februar 2014: Gurlitts Anwälte teilen mit, dass sie Anzeige gegen Unbekannt stellen, weil vertrauliche Informationen aus den Ermittlungsakten an die Öffentlichkeit gerieten.
10. Februar 2014: Nach Angaben von Gurlitts Sprecher Stephan Holzinger wurden mehr als 60 weitere wertvolle Bilder in Gurlitts Haus in Salzburg gesichtet und an einen sicheren Ort gebracht - darunter Werke von Picasso, Renoir und Monet.
19. Februar 2014: Gurlitts Anwälte geben bekannt, dass sie beim Amtsgericht Augsburg Beschwerde gegen die Beschlagnahmung der Kunstsammlung eingelegt haben.
24. und 28. Februar 2014: Bei weiteren Besichtigungen des Salzburger Anwesens von Gurlitt werden zahlreiche weitere Kunstgegenstände "in einem zuvor nicht zugänglichen Teil des alten Hauses" gefunden.
5. März 2014: Das Amtsgericht München ordnet die weitere Betreuung Gurlitts an. Sie soll zunächst bis Ende des Jahres gelten.
26. März 2014: Gurlitts Betreuer Christoph Edel lässt mitteilten, dass die Salzburger Sammlung Gurlitts nicht nur 60, sondern 238 Werke umfasst. Außerdem gibt er bekannt, dass Gurlitt sich bereit erklärt, als Raubkunst anerkannte Bilder der Münchner Sammlung an die Erben jüdischer Vorbesitzer zurückzugeben. Den Anfang soll die "Sitzende Frau" von Henri Matisse machen.
7. April 2014: Gurlitts Anwälte unterzeichnen einen Vertrag mit der Bundesregierung, in dem der Kunsthändler sich bereit erklärt, Bilder, bei denen es sich um Nazi-Raubkunst handelt, freiwillig zurückzugeben.
9. April 2014: Zwei Tage nach der Vertragsunterzeichnung zwischen Gurlitt und dem Bund gibt die Staatsanwaltschaft Augsburg die beschlagnahmten Bilder nach mehr als zwei Jahren wieder frei.
6. Mai 2014: Cornelius Gurlitt stirbt im Alter von 81 Jahren in seiner Wohnung in München.

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