"Leute trauen sich nicht mehr, ihre Meinung zu sagen"

Sophie Achermann engagiert sich gegen Hass im Netz.
Sophie Achermann engagiert sich gegen Hass im Netz.zVg
Die Meinungen im Internet sind so gespalten wie nie. Sophie Achermann hat die Hoffnung auf einen demokratischen Diskurs noch nicht aufgegeben.

Sophie Achermann, Sie setzen sich für einen demokratischen Diskurs und gegen Hassrede und Fake News im Internet ein. Wie würden Sie die politische Lage im Netz momentan beschreiben?

Sophie Achermann: Noch nie waren die Geister im Internet so geschieden wie in Zeiten von Corona. Es wurden plötzlich ganz viele Leute in ein Paralleluniversum und in verschiedenste Verschwörungstheorien hinein katapultiert. Damit einher geht ein extrem aggressives Verhalten und verschiedene Diskurs-Stränge, die völlig aneinander vorbei gehen.

Was für Gefahren stellt das dar?

Das hat sich letzte Woche in den USA gezeigt. Es war eindrücklich zu sehen, wie der Hass aus dem Internet plötzlich in die Offline-Welt übergeschwappt ist. Aber es ist auch in weniger deutlich erkennbaren Mustern zu bemerken. So ist beispielsweise Frauenhass im Internet ganz normal und führt dazu, dass er auch im richtigen Leben normalisiert wird. Außerdem kommt es zu extremen Polarisierungen, sodass man gar nicht mehr miteinander reden kann. Denn Hass ist nicht dialogfähig.

Was bedeutet das für die Demokratie?

Die Politiker sind immer heftigerem Gegenwind ausgesetzt, der sich nicht unbedingt sachlich gegen ihre politische Orientierung richtet, sondern beleidigend ist und sich gegen ihre Persönlichkeit wendet. Außerdem trauen sich normale Bürgerinnen und Bürger nicht mehr, ihre eigene Meinung kund zu tun und eine kleine Minderheit, die äußerst laut ist, erscheint plötzlich wie die Mehrheitsmeinung.

Wie kann man aus dieser Blase des Hasses ausbrechen, wenn man einmal darin ist?

Diese Frage stelle ich mir häufig und sie ist schwierig zu beantworten. Denn es geht darum, beide Pole zusammen zu bringen. Hier können beispielsweise die großen Medienhäuser wichtige Arbeit leisten und die Vielfalt der Meinungen akkurat abbilden, anstatt nur einzelne, sowieso schon laute Stimmen herauszuheben. Aber auch als Einzelperson kann man zum Platzen der Informationsblase beitragen. Dabei geht es nicht darum, mit Personen zu streiten, die anderer Meinung sind als man selbst. Viel eher sollte man versuchen, die Diskussion zu entschärfen und mit Fakten zu kontern. Aber am wichtigsten ist, dass man überhaupt etwas sagt und nicht stillschweigend zuschaut.

Früher hieß es, man solle Trolle ignorieren und ihnen keine weitere Plattform bieten. Ist das eine veraltete Sichtweise?

Auf jeden Fall. Lange war die Parole, Internet-Trollen keine Bühne zu geben, aber das hat dazu geführt, dass niemand gegen sie vorgegangen ist und sie nun ganz viel Platz im Online-Raum eingenommen haben. Daher ist es wichtig, auf Hassrede einzugehen und mit Counterspeech zur Meinungsvielfalt beizutragen. Aber das braucht Arbeit.

Was erhoffen Sie sich, mit Plattformen wie "Stophatespeech" zu erreichen?

Wir wollen Hoffnung schaffen. Denn grundsätzlich ist das Internet etwas Wunderbares. Es bietet fast jeder Person, egal woher sie kommt und egal welche finanziellen Möglichkeiten sie hat, eine Stimme. Das ist ein Privileg, aber auch eine große Verantwortung. Mit "Stophatespeech" wollen wir die Informations-Bubbles aufbrechen und einen Diskurs ermöglichen. Wir wollen bewusst machen, dass hinter Hate-Speech-Posts immer ganz normale Menschen stecken. Deswegen gibt es eine Chance, etwas zu ändern. Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt und jetzt aufzugeben wäre falsch. Es muss aber jede und jeder mitmachen und alle Stimmen müssen gehört werden.

Sophie Achermann ist Geschäftsführerin bei der Frauenorganisation Alliance F und Co-Projektleiterin von Stophatespeech.ch. Sie ist ehemalige Jugenddelegierte an der UNO und mitverantwortlich für den Aufbau des Jugendparlaments in der Stadt Bern. Achermann setzt sich für die Stimme der Frauen in der Schweizer Politik und gegen Hassrede und Fake News im Internet ein.

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