"Sie nahmen meinem Vater die Arzt-Erlaubnis weg"

Heute Redaktion
Teilen
Picture

Nachdem die Nazis Ludwig Poppers Vater, einem jüdischen Arzt, ein Berufsverbot auferlegt hatten, flüchtete er erst in die Schweiz, dann erhielt die ganze Familie ein Visum für Bolivien. Noch rechtzeitig schafften sie es, wegzukommen. Ein Gespräch mit Maria Jelenko-Benedikt.

Ludwig "Lutz" Popper hat vor 15 Jahren begonnen, als "offizieller Zeitzeuge" Schüler über die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten zu informieren – und ihnen über das Schicksal seiner Eltern zu erzählen: Sein Vater war ein jüdischer Arzt, der in Wien ordinierte – bis ihm die Nazis die Arbeitserlaubnis entzogen, und er seine Flucht vorbereitete. "Zwei Drittel der Ärzte in Wien waren damals Juden, in ganz Österreich eigentlich".

Ludwig Popper senior war Internist, führte eine Praxis, die, als der Antisemitismus stärker wurde, immer zäher lief. Als die Verfolgung der Juden systematisch begann, merkte die Familie, dass sie Wien verlassen musste: "Am 12. März 1938 hat ihn die Verwaltung rufen lassen und ihm erklärt, er braucht morgen nicht mehr kommen. Das wars".

Ab dem 30. September 1938 ist allen jüdischen Ärzten per Gesetzt das Doktorat aberkannt worden. Popper erklärt: "Von den 3.200 jüdischen Ärzten, die es in Wien gab, haben nur 370 die Erlaubnis bekommen, weiterhin jüdische Patienten zu behandeln. Sie haben ihren Titel verloren. Sie haben nicht mehr Doktor geheißen, sondern 'jüdischer Krankenbehandler'". Und Popper betont: "Sie durften aber nur jüdische Patienten behandeln. Arische Ärzte durften keine jüdischen Patienten behandeln."

Als sein Vater von einem Familienmitglied gewarnt wurde, dass für Juden in Wien nun eine extrem gefährliche Zeit anbrechen würde, entschloss er sich endgültig, die Heimat zu verlassen: "Ein Cousin meiner Mutter, die ein christliches Mädchen gewesen ist, war ein frühes Parteimitglied der NSDAP. Er hat meine Familie noch ein bisschen unterstützt und hat meinen Vater im Juli 1938 geraten, möglichst bald zu verschwinden, mit der Bemerkung, dass er ihm bald nicht mehr helfen könne und es gefährlich werde."

Die Flucht gestaltete sich aber nicht so einfach: "Ab dem Anschluss haben viele Länder, zum Beispiel die Schweiz, keine Visa mehr für Juden ausgestellt", erzählt Popper. Viele jüdische Ärzte wollten damals in die USA gelangen, doch: "Die amerikanische Regierung hat in den Jahren 1938/39 auf Drängen der amerikanischen Ärztegesellschaft gesagt: 'Jetzt sind genug Europäer da. Wir können die Ärzte aus Europa nicht als Konkurrenz für unsere Leute in Amerika einsetzen, weil wir brauchen für unsere junge Leute in Zukunft auch Plätze.'" Und er merkt an: "So, wie es heute ja auch ist. Es ist im Grunde das Gleiche! Es hat sich nicht wirklich etwas geändert!"



Sein Vater, der sich 1937 taufen hat lassen – "weil er glaubte, dass es seiner Familie helfen würde" – hatte noch einen österreichischen Pass "ohne das 'J' drinnen" (Anm.: Um Juden als solche zu identifizieren, stempelten die Nazis ihnen ein 'J' in den Pass). Und so gelang es ihm, als "Tourist" über Mailand in die Schweiz zu kommen.

Für die Mutter, eine Krankenschwester, wurde es in Wien auch eng, obwohl sie Christin war: "Jemand, der mit einem Juden verheiratet war, durfte im öffentlichen Sektor nicht mehr arbeiten. Die sind alle entlassen worden. Obwohl sie offiziell als 'in Blutschande lebende Frau" – eine Arierin, die mit einem Juden verheiratet war – galt, durfte sie allerdings noch bis Februar 1939 im Spital arbeiten, weil jemand ihren Akt versteckt hatte. Doch ab Februar 1939 hat man sie aus dem Spital 'entfernt'".

Im Juli 1939 reiste sie mit Ludwig und seinen zwei Geschwistern dem Vater in die Schweiz nach. Doch auch da stieß sie auf Probleme: Die als "jüdisch" geltenden Kinder durften nicht im Pass der "arischen" Mutter eingetragen werden: "Das war undenkbar." Schließlich gelang es ihr, in die Schweiz zu kommen. In Wien hatte sie alle Möbel verkauft, hatte alles hinter sich gelassen.

Wie es mit der Familie weiterging? Eine Patientin Poppers, die später in Auschwitz ermordet wurde, half der Familie, ein Visum für Bolivien zu bekommen. "Die Bolivianer haben im Jahr 1939 Visa ausgestellt. Mein Vater hat zunächst nicht gewusst, wo das ist. Er wusste nicht was ihn dort erwartet, und ob er dort als Arzt arbeiten kann", schildert Popper.

Schließlich gelang die Flucht, die Familie überlebte den Krieg im fernen Kolumbien. Nach Kriegsende, im November 1947, kam die Familie zurück nach Wien. In seiner Heimatstadt hatte sein Vater keine Verwandten mehr, Ludwig lernte in der Schule, was es bedeutete, Jude zu sein, beobachtete, wie ein jüdischer Mitschüler gemobbt wurde: "Es waren Mitschüler dabei, die Kinder von Nazi-Offizieren und Nazi-Beamten waren. Die haben ununterbrochen, egal was dieser jüdische Junge hat, alles getan, um ihn antisemitisch zu attackieren. Die Lehrer haben mehr oder weniger zugeschaut. Es ist keiner aufgestanden und gesagt: 'Kinder, das geht so nicht.'"

Ob er selbst auch diskriminiert wurde? "Ich habe mich auf seine Seite gestellt und habe das Problem gehabt, dass die Schüler gesagt haben: 'Sei ned so deppert. Du schaust nicht wie ein Jude aus und du sprichst Deutsch. Das ist wurscht. Aber der (Mitschüler, Anm.) fällt auf. Warum sagst du, dass du auch jüdisch bist?"

Was Popper heute den Schülern mitgibt, wenn er in die Klassen geht? "Ich lese nicht vor, ich erzähle. Das Entscheidende für mich ist, es Kindern klar zu machen, dass alle Menschen gleich sind. Dass es überall Gauner gibt." Und: "Immer wieder höre ich den Vorwurf, dass die Juden sich für das auserwählte Volk halten. Wegen einer depperten Interpretation der Thora, unseres alten Testaments. Doch dort steht nichts anderes drinnen als: 'Die Juden sind im besonderen Maße verpflichtet, Gottes Gesetze einzuhalten. Sie sind Kinder Gottes. Sie sind auserwählt worden, diese religiösen Pflichten besonders ernst zu nehmen.'"

Das Interview ist Teil einer Zeitzeugen-Serie. Alle Zeitzeugen-Gespräche finden Sie auf www.heute.at/zeitzeugen

Erika Kosnar: "Ich musste den 'gelben Stern' tragen"

Martin Wachtel: "Nazis warfen meinen Vater die 'Todesstiege' runter"

Barbara Schmid: "Damit ich überlebe, legte mich Mama als Baby weg"

Kurt Rosenkranz: "Da sagte der Lehrer zu uns: 'Ihr Saujuden'"

Richard Wadani: "Von Anfang war mir klar: Ich werde desertieren"

Anna Hackl: "Ich versteckte zwei KZ-Flüchtlinge vor den Nazis"

Lucia Heilman: "Auf jeder Parkbank stand plötzlich 'Nur für Arier'"

Paul Vodicka: "Ich wollte keiner Nazi-Organisation beitreten"

Margarethe Baranyai: "Die Nazis brachten meine Mutter ins KZ"

Robert Schindel: "Mein Leben verdanke ich zwei Krankenschwestern"

Alfred Grasel: "Am Spiegelgrund bekam ich mehrere Injektionen"

Helga Mandelburger: "Meine kranke Schwester entging der Gaskammer"

Hannes Sulzenbacher: "Weil er schwul war, kam er in Konzentrationslager"

Anni Honus: "Mein kranker Bruder bekam die Todesspritze"

Tina Bachmann: "Er ging ins KZ, um seine Mutter zu schützen"