"Der größte lebende Popstar zerstört sein eigenes Denkmal", heißt es etwa auf nachrichten.at . Das am Freitag erschienene Madonna-Album "MDNA" enttäuscht die Kritiker - hier lesen Sie, warum.
Das am Freitag erschienene Madonna-Album "MDNA" enttäuscht die Kritiker - hier lesen Sie, warum.
Das Talent, das Madonna während ihrer drei Jahrzehnte andauernden Karriere auszeichnete, bestand stets darin, sich in den richtigen Momenten mit den angesagtesten kreativen Köpfen zu umgeben. Ihr untrüglicher Spürsinn, den Ideenreichtum anderer für sich arbeiten zu lassen, machte Madonna Louise Veronica Ciccone mit weltweit 300 Millionen verkauften Tonträgern und sieben Grammy-Awards zur erfolgreichsten Solo-Künstlerin aller Zeiten.
Dieses Geschick ist der mittlerweile 53-Jährigen spätestens seit dem künstlerischen wie kommerziellen Flop "Hard Candy" (2008) abhandengekommen. Auch auf ihrem heute erscheinenden neuen Album "MDNA" hechelt sie den Trends vergeblich hinterher, anstatt wie früher diese zu initiieren. Was nicht so schlimm wäre, hätte Madonna wenigstens eine Handvoll guter Pop-Songs geschrieben.
Herbe Enttäuschung
Doch "MDNA", ihr zwölftes Studioalbum, ist eine herbe Enttäuschung. Den Frohsinn, die Experimentierfreudigkeit und den provozierenden Wagemut, die ihre besten Werke "Like A Virgin" (1983), "Like A Prayer" (1989), und "Ray Of Light" (1998) auszeichneten, hat Madonna gegen auf Nummer sicher produzierte Konfektionsware für den Massenmarkt getauscht. Der Großteil der insgesamt 17 neuen Stücke ist schlichtweg belanglos.
Schuld daran sind, neben dem mediokren Songmaterial, die für teures Geld eingekauften Produzenten. House-DJ Martin Solveig machte sich mit dem Sommer-Hit "Hello" zwar als David Guetta für Arme einen Namen, als innovativer Soundtüftler hat sich der Franzose aber noch keine Meriten verdient. Und wer aus dem Madonna-Stall auf die Idee kam, ausgerechnet den italienischen Deppendisco-Experten Benny Benassi als Beat-Bastler zu engagieren, muss an einem ausgewachsenen Ohrenleiden laborieren.
Schlumpfine auf Helium
Bereits der erste Song "Girls Gone Wild" ist seelenloser Malen-nach-Zahlen-Technopop, den Lady Gaga wohl nicht einmal als B-Seite verbraten würde: billige Synthie-Beats und eine sich als Disco-Haserl gebärdende Madonna, die klingt wie Schlumpfine auf Helium und Zeilen à la "You got me in the zone/DJ play my favourite song" skandiert. Na bravo. Auch "I’m Addicted", "I Don’t Give A F" (mit Nicki Minaj), "Love Spent" und "Some Girls" sind eines Albums der Queen of Pop nicht würdig.
Dass sich Madonna in der ersten Single "Give Me All Your Luvin" darüber beschwert, dass heutzutage alle Platten gleich klingen, entbehrt angesichts der gleichförmigen Mainstream-Produktion von "MDNA" nicht einer gewissen Ironie. Mit dem grandiosen "Gang Bang", in dem sie davon fantasiert, ihren Ex-Liebhaber mittels Kopfschuss zu exekutieren, beweist Madonna aber, dass sie immer noch das Potenzial besitzt, unwiderstehliche und auf die Sekunde süchtig machende Popmusik zu fabrizieren.
"Teelöffel an Talent, aber Weltmeer an Ambition"
Über gesampelten Pistolengeräuschen, einem klickenden Dubstep-Beat und düsteren Keyboard-Sounds singt Madonna mit ungewohnt tiefer Stimme über die Freuden der blutigen Rache mittels Kleinkaliber. Kurze Gutpunkt-Liste Ebenfalls gelungen: das mit christlichen Symbolen spielende "I’m A Sinner", das an ihr künstlerisch ambitioniertestes Album "Ray Of Light" erinnert. Kein Wunder, saß doch da wie dort William Orbit am Mischpult.
Dessen sphärische Klangtapete wirkt zwar fast 15 Jahre später nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit, macht aber immer noch Spaß. Mit der berührenden Ballade "I Fucked Up", in der Frau Ciccone ungewohnt offen die Scheidung von Guy Ritchie abhandelt, ist die Gutpunkt-Liste allerdings auch schon wieder fertig. "Sie besitzt einen Teelöffel Talent, aber ein Weltmeer an Ambition", sagte einmal Mick Jagger über Madonna.
Da trifft der Stones-Sänger einen wunden Punkt. Der Reiz der schillernden Oberfläche verfliegt beim Hören von "MDNA" schnell, ohne dass der Funke überspringt. Ohne richtige Songs können auch die kostspieligsten Kollaborationspartner nur hilflos zusehen, wie Madonna den Thron der Pop-Königin räumen muss. Lady Gaga, übernehmen Sie!
Konzert: Am 29. Juli gastiert Madonna im Ernst-Happel-Stadion in Wien. Beginn: 19.30 Uhr