Maite Kelly: "Stille ist ein unglaublicher Berater"

Am 12. Oktober erscheint das neue Album "Die Liebe siegt sowieso". Wir haben mit Maite Kelly darüber geplaudert.

Heute: Ihr neues Album "Die Liebe siegt sowieso" erscheint bald. Warum siegt die Liebe sowieso? Was steckt hinter dem Titel?

Maite Kelly: Meine Aufgabe als Künstlerin, als Schlagersängerin ist es mit meiner Musik, meinen Konzerten, meinen Texten Menschen zu stärken. Wenn qualitative Schlagermusik eine Medizin ist, um den Alltag zu bewältigen, dann ist das mein Weg, dafür zu sorgen, dass das Rezept aufgeht. Ich sehe meine Schlagermission so, dass Musik in gewissen Momenten, wo man Lebensschmerz empfindet, hilft. Da wo Wörter oft nicht helfen, hilft die Musik. Das ist meine Tür, wo ich vielleicht Menschen begleiten darf. Ich habe das selber immer mit Bruce Springsteen erlebt. Egal, wie schwierig es für mich war, mit meinem Vater und seinem Schlaganfall, ein Konzert von Bruce Springsteen - und ich war aufgemuntert. Live-Energy. Das ist meine Aufgabe, dass die Bäckerin von nebenan, die mir ihre Freizeit anvertraut, das Kostbarste, dass sie gestärkt durch den Alltag und durchs Leben geht. Kann man mich da als Dealer bezeichnen? Ich bin ein Song-Dealer. Eine gesunde Droge. Hoffnung hat einen langen Nachklang.

Heute: Auffallend ist auch das kleine Wort "sowieso". Das verleiht dem Titel ein gewisses rotziges Etwas.

Maite Kelly: Rotzig vielleicht nicht. Eher "Was regt ihr euch auf"? Warum soll man zweifeln. Es gibt eine tolle Szene in der Bibel. Sturm, die zwölf Apostel mit Jesus auf einem Boot. Es stürmt, er schläft. Die anderen sind in Panik und wecken ihn auf, weil sie wissen, dass er etwas dagegen tun könnte. Er wacht auf und sagt: "Ist euer Vertrauen so klein?". Vielleicht ist das ein Mantra, in meinem Leben zu sagen, dass Gott uns durch diesen Lebenssturm segelt. Es ist toll, dass du das sagst. Ich hätte das Album nie "Die Liebe siegt" genannt. Nie. Es ist schön wie es ist. Aber das "sowieso" ist der kleine Kniff.

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Heute: Sie haben textlich wie musikalisch jeden Song selber geschrieben.

Maite Kelly: Na klar. Ne, ich beichte. Es ist mir zum ersten Mal passiert. Christian Kolonovits (österreichischer Musiker, Anm.) hat eine Melodie komponiert. Das ist 35 Jahre her. Ich kam mit einem Text und Johan Daansen (langjähriger musikalischer Weggefährte von Kelly, Anm.) in den Beethoven-Raum in einem Hotel. Der Text war ganz dramatisch, "Mit dir hätt ich zum Leben Ja gesagt". Heavy. Normalerweise hab ich den Text, dann die Bilder und ich höre den Soundtrack zu meinen Texten. Weil es aber so schmerzhaft war mit "Mit dir hätt ich zum Leben Ja gesagt", hab ich es nicht geschafft, eine Melodie zu finden. Ich wusste, es wird zu viel weh tun. Dann sagte Johan: "Ich hab diese Melodie, die ich mit Christian Kolonovits komponiert habe. Ich glaube, die ist 35 Jahre alt". Er fing an zu spielen, und dann viel der Text plötzlich auf die Melodie. Es war tatsächlich das erste Mal.

Heute: Schreiben Sie immer mit Partner?

Maite Kelly:Ich kann es alleine, das weiß ich. "Touché Moi" vom letzten Album hab ich ganz alleine geschrieben, das war zu intim. Doch sonst hol ich mir gerne eine Schreiber dazu. Da passiert manchmal was, das alleine vielleicht nicht passieren würde. Es gibt gewisse Themen, über die kann ich nur mit Johan Daansen schreiben. Der kennt mich seit meiner Kindheit. Da weint man, da gibt es viel Schmerz. Dass muss man mit jemandem machen, mit dem man viel Salz gegessen hat.

Heute: Spielen Sie Ihre Musik vor Veröffentlichung Freunden, Bekannten, der Familie vor?

Maite Kelly: Ich halte meine Freunde raus. Das ist meine Arbeit. Auch Partner, das halt ich völlig raus. Manchmal verstehen die Familie und Partner nicht die Vision. Ich arbeite mit dem Kreis mit dem ich arbeite, und wenn es fertig ist, dann gehe ich raus damit. Es ist wichtig, nicht zu viele Meinungen zu hören. Die Vision, die man spürt, die in zwei Jahren verstanden wird, muss man nicht offenbaren. Meine Freunde hören es erst, wenn es alle anderen auch hören. Ich bin nicht da, um meine Familie zufriedenzustellen, wenn es um die Arbeit geht. Einen Song wie "Touché Moi", der so erotisch ist, den kann mein Bruder nicht verstehen.

Heute: Woraus haben Sie für "Die Liebe siegt sowieso" Inspiration gezogen?

Maite Kelly: Aus dem Leben. Die kleinen Sachen können auch groß werden. Deswegen bin ich auch so wenig unterwegs. Alle glauben immer, ich bin viel unterwegs. Die Stille ist der beste Freund der Musiker.

Heute: Haben Sie während den Aufnahmen viel Schlager gehört?

Maite Kelly: Gar nicht. Ich hab genau dasselbe gemacht wie beim letzten Album auch. Only the past can do a good future. Charles Aznavour ist gerade erst gestorben. Ich habe sehr viel aus diesen alten Meistern gegriffen, gehört, empfunden.

Heute: Warum gibt es keinen englischsprachigen Song von Maite Kelly?

Maite Kelly: Meine Mutter ist halb Finnin, halb Deutsche. Unter meinen deutschen Vorfahren gabe es Dichter. Auch einige die die Kirchenlieder geschrieben haben. Die Texte mussten inhaltlich stark sein, aber auch schnell merkbar. Alle mussten mitsingen. Dieses Gen hab ich wohl mitbekommen, glaube ich. Die deutsche Sprache ist schwer, ich kann aber nicht mehr auf Englisch schreiben, ich weiß nicht mehr wie es geht. Ich glaube, die deutsche Sprache hat mich adoptiert. Sie ist Meine musikalische und poetische Mutter.

Heute: Es gibt also keinen Plan mehr, die Welt zu erobern?

Maite Kelly: Nein, ich habe drei Kinder. Ich erobere ihre Welt.

Heute: Wie bringen Sie Karriere und die Rolle als Mutter unter einen Hut?

Maite Kelly: Indem ich weniger mache als je zuvor. Das hört sich paradox an. Ich habe heiße Phasen, das sind der Frühling und der Herbst. Das wissen die Kids. Im Sommer hab ich acht Wochen Ferien, da mach ich dann nichts. Ich bin eine Saisonarbeiterin. Zwischen Weihnachten und Februar gibt es eine Ruhezeit. Und dann bereite ich die sie emotional vor. Bei meiner Tournee ist es so, dass viele Konzerte am Wochenende sind. Ich geb das Geld aus, dass meine Kinder zu mir fahren können. Ich sag den Veranstaltern, gebt mir ein Hotel mit einer Familiensuite und einem Pool. Dann ist es gut. Alles Kreative mache ich von zuhause aus. Ich habe aus der Not eine Stärke entwickelt, dank meiner Kinder. Ich bin zuerst Mutter, meine Partner müssen das akzeptieren. Dadurch habe ich viel Stille. Ich liebe die Stille. So gerne ich rede, ich liebe die Stille. Die Stille ist ein unglaublicher Berater, um aus ihr Effektivität zu ziehen.

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