Mann wegen 100 Euro getötet – 10 Jahre Haft

Die Angeklagte sucht Trost bei ihrem Verteidiger.
Die Angeklagte sucht Trost bei ihrem Verteidiger.Bild: Denise Auer/Video3
Gerhard B. (78) musste wegen hundert Euro sterben. Vor Gericht schämte sich die mutmaßliche Räuberin so sehr, dass sie lauthals zu weinen begann.
Große Gefühle am Wiener Landesgericht: Als Justizwachebeamten Christine D. heute Morgen in Handschellen zu ihrem Prozess vorführten, brach die 27-Jährige in Tränen aus. Sie wollte ihre vor dem Verhandlungssaal wartende Mutter umarmen, musste aber mit tröstenden Worten ihres Anwaltes Sascha Flatz vorlieb nehmen – ihre Bewacher gestatteten keinen Körperkontakt mit den Familienmitgliedern.

Staatsanwältin: Vorsatz-Delikt

Zur Sache ging es dann im Verhandlungssaal. Die Staatsanwältin warf Christine D. vor, einem 78-jährigen Wiener im Jänner einen heftigen Stoß versetzt zu haben – mit dem Vorsatz, so die Anklägerin, an Geld zu kommen. Der sturzbetrunkene Ex-Freund der jungen Frau schlug bei einem Würstelstand am Kardinal-Nagl-Platz (Landstraße) so ungünstig mit dem Kopf am Asphalt auf, dass er ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und tags darauf in einem Spital starb.

Affäre mit späterem Opfer

Dann war die Angeklagte – Typ bildungsfern, aber alkoholnah – am Wort. Die Sonderschule hat Christine D. nach sechs Jahren abgebrochen, seither arbeitete sie insgesamt zwei Wochen lang – bei "Jugend am Werk". Dann wurde sie rausgeworfen und lebte fortan von der Notstandshilfe. Überhaupt – das Leben der jungen Frau verlief bisher eher trostlos: Alle vier Kinder – das erste bekam sie mit 17 – leben bei Pflegefamilien. Sie hat 5.000 Euro Schulden (wegen Schwarzfahrens und sonstigen kleineren Vergehen) und den Vater des Nachwuchses laut eigener Aussage betrogen – mit dem 78-Jährigen, der später Opfer des angeklagten Raubüberfalls werden sollte.

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1 Liter Almdudler-Rot, dann Bluttat


Die von Rechtsanwalt Sascha Flatz verteidigte Angeklagte kam mit der Mindeststrafe (10 Jahre Haft) davon.
Die von Rechtsanwalt Sascha Flatz verteidigte Angeklagte kam mit der Mindeststrafe (10 Jahre Haft) davon.
Womit wir wieder beim Thema wären. Wie konnte das Treffen mit ihrer um 51 Jahre jüngeren Ex-Affäre am 22. Jänner derart aus dem Ruder laufen? "Vorher habe ich einen Liter Almdudler-Rot getrunken", erzählte die Angeklagte mit zitternder Stimme. "Ich habe Franz – so habe ich ihn immer genannt – um Geld gebeten, aber er wollte mir keines geben. Er begann mich wild zu beschimpfen und schlug mir mit der Faust ins Gesicht."

Angeklagte: "Es war eine Dummheit"

Christine D. will sich dann nur gewehrt haben – laut ihrem Anwalt Sascha Flatz mit dem gelindesten Mittel. "Ich habe ihn weggeschubst", nennt es die Angeklagte, die Faktenlage kleinlaut umkreisend. Die Staatsanwältin wählte indes eine deutlichere Sprache: "Es war ein heftiger, tödlicher Stoß. Das Opfer ist ungebremst auf dem Asphalt aufgeschlagen, hat danach nur noch geröchelt und war nicht mehr ansprechbar." Christine D.: "Ja, es war eine Dummheit."

"Bier, Wein, alles …"

Eine Dummheit, die einem Menschen das Leben kostete. Daher kam auch der exzessive Alkoholkonsum der 27-Jährigen vor Gericht zur Sprache. "Ich trinke seit meinem 14. Lebensjahr", räumte die Angeklagte ein. "Was denn?" Antwort: "Bier, Wein, alles." Zaghaft fragte die Richterin: "Wie viel?" Schonungslos ehrliche Antwort: "Jeden zweiten Tag eine halbe Palette" Was das mit ihr macht, wollte die erstaunte Richterin Andrea Wolfrum schließlich wissen. "Danach geht's mir nicht gut", antwortete Christine D.

"Das ganze Leben"

Aber der Alkohol tröste sie eben – "weil mir alles zu viel wird". Was genau ihr zu viel wird, hakte die Vorsitzende nach. Antwort: "Das ganze Leben. Meine Kinder sind weg, der Ex-Freund hat mich geschlagen …" Dann fügte sie – wieder unter Tränen – an: "Ich wollte nicht, dass er stirbt oder hinfliegt." Eine elfjährige Zeugin sagte dann aus, dass die Angeklagte sie dazu anstifen wollte, dem älteren Mann die Brieftasche zu stehlen – "Ja, ich habe ihr 50 Euro dafür angeboten", sagt Christine D. Was das junge Mädel zu dem Vorschlag gemeint hat? Antwort der Angeklagten: "Sie hat mich gefragt, ob ich dumm im Kopf bin."

"Ich habe das Geld versoffen"

Wofür sie das Geld so dringend gebraucht habe, sollte Christine D. zum Schluss beantworten. "Ich wollte 30 oder 40 Euro von Franz haben, um mein Kind in Baden besuchen zu können", flüsterte die zierliche Frau. Richterin Wolfrum gab zu bedenken, dass ein Zugticket doch niemals 30 oder 40 Euro koste. Christine D.: "Ich wollte noch Zigaretten und Alkohol kaufen."

Letztlich erbeutete sie 100 Euro aus der Bauchtasche ihres reglos am Boden liegenden Ex-Freundes. "Haben Sie dann Ihr Kind besucht?", wollte die Richterin wissen. "Nein, ich habe das Geld in Favoriten versoffen", antwortet die Frau – und weint.

Mindeststrafe für Angeklagte

Der reuige Auftritt vor Gericht dürfte Christine D. vor einem drakonischen Urteil bewahrt haben. Die acht Geschworenen sprachen sie zwar – einstimmig – wegen schweren Raubes schuldig, die Berufsrichter verhängten aber lediglich die Mindesstrafe von 10 Jahren Haft. Das Urteil ist bereits rechtskräftig. (coi)

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