Wien

"Mein Herz blutet": Ukrainer in Wien in großer Sorge

Die Situation in der Heimat sorgt für schlaflose Nächte bei der ukrainischen Bevölkerung in Wien. Viele haben Angst um ihre Familien.
Yvonne Mresch
24.02.2022, 18:37

Die Stimmung in der Wiener Innenstadt am Donnerstag ist gedrückt. Früh morgens begann der Luftangriff auf die Ukraine, mittlerweile haben Putins Soldaten bereits die Hauptstadt erreicht. Dementsprechend sieht die Situation bei einer Demonstration am Minoritenplatz und am Maria-Theresien-Platz aus. Menschen, die in Tränen ausbrechen, andere, die verzweifelt versuchen, ihre Familien in der Heimat zu erreichen. Man umarmt sich, spendet einander Trost - denn die meisten hier wissen, wie es den Leuten um ihnen geht. Sie befinden sich in derselben Situation.

"Im Europa des 21. Jahrhunderts gibt es keinen Platz für Krieg"

Die Ukrainerinnen Anna und Julia haben heute alle Termine abgesagt, ihre Fahnen geschnappt und sind in die City gekommen. "Es war ein Schock", erzählt Julia von dem Moment, als sie die Nachricht vom Angriff bekam. Sie lebt seit 2007 mit ihrem österreichischen Ehemann in Wien und arbeitet hier als Fremdenführerin. Ihre Familie befindet sich noch in Kiew und Odessa. "Ich mache mir große Sorgen und stehe ständig mit ihnen in Kontakt. Mein Herz blutet. Sie aber bleiben stark und ich will ihnen zeigen, dass sie nicht im Stich gelassen werden. Dass es so gekommen ist, war für uns alle eine Überraschung."

Am Minoritenplatz ist Julia nicht allein: "Es geht mir schlecht, aber hier habe ich Menschen, mit denen ich zusammen weinen kann. Jemanden, der die Schmerzen teilt und eine moralische Unterstützung ist", sagt sie. Unterstützung bekommt die junge Frau von Freundin Anna. Sie ist hierher gekommen um "zu zeigen, dass es keinen Platz für Krieg in Europa im 21. Jahrhundert geben soll" und hofft auf harte Sanktionen: "Russland muss abgeschottet werden in der Welt", fordert sie und spricht dabei vor allem alternative Energiequellen an, damit Österreich "nicht mehr abhängig ist."

"Seit 14 Stunden werden wir attackiert"

Am Maria-Theresien-Platz haben sich Oleksandr und Yaroslav eingefunden - ausgestattet mit einer Österreichfahne und der Flagge der Ukraine. Die beiden Freunde kamen vor acht Jahren nach Wien und arbeiten hier im IT-Sektor. "Meine Eltern sind in der Ukraine und natürlich machen wir uns Sorgen", erzählt Oleksandr. "Ich werde jetzt gleich wieder versuchen, sie zu kontaktieren." Die Berichte, die sie aus der Heimat erhalten, verheißen nichts Gutes. "Die Raketen fliegen. Seit 14 Stunden werden wir attackiert. Und niemand tut etwas", ist Oleksandr verzweifelt. Sein Kollege Yaroslav hat einen Appell: "Bleibt nicht ruhig!"

"Man kann nicht beschreiben, wie ich mich fühle"

Weder geschlafen, noch gegessen hat der 25-jährige Nikita an diesem so einschneidenden Tag in seinem Leben. Seit acht Jahren lebt der gebürtige Ukrainer in Wien, arbeitet als Barista. Er ist in die Innenstadt gekommen, um sein Land zu unterstützen. Die Nachricht über die Angriffe, die ihn früh morgens erreichte, kann er noch immer kaum glauben. "Dieses Gefühl kannte ich bis jetzt noch nicht", erzählt er im Gespräch mit "Heute". "Mein Körper gehört nicht mehr mir. Ich nenne es nicht Sorgen, es ist Chaos. Man kann nicht beschreiben, was ich fühle." Nikitas Familie hat sich indes im Elternhaus versammelt, um zu entscheiden, wie es weitergeht. Aber, so der 25-Jährige: "Nur Gott weiß, was passieren wird." Er wünscht sich vor allem eines: "Dass alle gesund bleiben." 

Aber nicht nur Ukrainer haben sich in der Wiener Innenstadt eingefunden. Neben zahlreichen Österreichern drücken auch Menschen aus Tschetschenien, Weißrussland oder russische Staatsbürger ihre Solidarität aus. "Wir kommen alle aus Russland, aber wir sind gegen dieses Regime und gegen diesen Krieg", berichtet eine junge Frau am Minoritenplatz. Sie hält die ukrainische Flagge vor die Brust und sagt: "Wir wollen den Ukrainern zeigen, dass wir zu ihnen stehen."

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