Fussball

"Menschen zu töten, hat nichts mit Religion zu tun"

Krieg, Panik und Chaos herrschen in Afghanistan. Die Fußballerinnen weinen, sind verzweifelt. Und auch die männlichen Nationalspieler Afghanistans.
20 Minuten
19.08.2021, 07:43

In Afghanistan haben die Taliban die Macht übernommen. Jetzt, wo das passiert ist, wächst die Sorge, das Terrornetzwerk könnte im Land wieder Fuß fassen. Eine Rückkehr der al-Qaida nach Afghanistan sei "unvermeidlich", heißt es bereits aus Militärkreisen. Im Land sind derzeit andere Dinge wichtiger als der Sport.

So pausiert derzeit auch die Afghan Premier League. Auf der offiziellen Liga-Website ist der letzte Newseintrag auf den 6. Oktober 2019 datiert, als letztes Spiel mit Resultat zeigt es die Partie zwischen Oqaban Hindukosh und De Maiwand Atalan (2:2) vom 9. Oktober 2020 an. Immerhin: Die Nationalmannschaft Afghanistans bestritt ihr letztes Spiel Mitte Juni in der WM-Quali gegen Indien. Die Afghanen, die in der Weltrangliste auf 153. Platz stehen, erspielten sich ein 1:1.

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"Die Taliban haben nun all die Waffen des Militärs"

Nun denkt aber im Land wohl sowieso keiner mehr groß an Fußball. In Afghanistan herrschen Chaos, Panik und Krieg. Das Frauen-Nationalteam hat Angst, die Spielerinnen fürchten um ihr Leben. Khalida Popal hat das Team mit aufgebaut, sie ist mit verzweifelten Spielerinnen in Kontakt. Doch was ist mit den Spielern der Männer-Nationalmannschaft? 20 Minuten konnte mit zwei von ihnen sprechen.

Der eine ist Omran Haydary. Er ist 23 Jahre jung und spielt in Polen bei Lechia Gdansk. Zwei Länderspiele hat er auf dem Buckel. Wir erreichen ihn per Instagram und Sprachnachrichten. Ihm geht es gut, doch die Situation in seinem Heimatland nimmt ihn mit. "Die Situation, sie tut so weh. Ich kann kaum Nachrichten sehen, ich finde es so unfair all den tollen Menschen in Afghanistan gegenüber. Aber eigentlich ist es ja egal, um welches Land es sich handelt. Es ist immer traurig", erzählt er. Haydary flüchtete als Zweijähriger mit seiner Familie in die Niederlande. "Ich habe keine engen Familienangehörigen im Land", so Haydary erleichtert. Aber er habe Kontakt mit Menschen in Afghanistan, wie zum Beispiel Nationalmannschafts-Kollegen, dem Zeugwart, Freundinnen und Freunden.

Das, was derzeit in seiner Heimat passiert, überrascht den jungen Fußballer, der seine Karriere beim niederländischen FC Emmen startete, ein wenig. "In den letzten Jahren war es eigentlich nicht so schlimm", so Haydary. Er sei 2018 das erste Mal in Afghanistan gewesen – anlässlich eines Nationalmannschafts-Spiels. "Damals gab es eine einprozentige Chance, dass etwas passiert. Jetzt passieren zu 100 Prozent schlechte Dinge."

Chaos, Panik und Krieg herrschen in Afghanistan

Auch Zohib Islam Amiri ist ob der Situation in Afghanistan schockiert. Der 31-Jährige steht bei Real Kashmir in der zweiten indischen Liga unter Vertrag. Im Gegensatz zu Haydary ist er mit 52 Spielen ein langjähriger Nationalspieler. "Ich habe Freunde und Familie in Afghanistan. Es ist beängstigend. Derzeit sind sie aber in Sicherheit daheim. Aber schauen wir, was in den nächsten Tagen passiert." Angesprochen darauf, wie seine Familie und Freunde auf die Situation reagieren würden, meint der 31-Jährige: "Sie sind alle geschockt und verängstigt, aber sie können nichts tun. Sie beten nur, dass alles wieder normal wird."

Amiri spielt seit elf Jahren in Indien. Sein Debüt für die afghanische Nationalmannschaft gab er 2005. Es war eine 1:9-Pleite gegen die Malediven. Die Menschen in Afghanistan unterstützt er – wenn es geht – mit Geld. "Das ist das Einzige, was ich jetzt tun kann", so der Nationalspieler. Letztgenanntes macht auch Omran Haydary. Gegenüber 20 Minuten erzählt er aber, dass sich das teils schwierig gestaltet. Die Banken seien teilweise zu, so der 23-Jährige. "Momentan ist es sehr schwer, etwas zu tun."

Vieles ist also ungewiss. Die Menschen zittern. Sie bangen. Das macht auch Khalida Popal. Die 34-Jährige verrät gegenüber verschiedenen Medien, wie es den jungen Fußball-Frauen im Land geht. Die afghanische Fußball-Pionierin erzählt, dass ihr viele Frauen Nachrichten schreiben würden. Popal: "Sie weinen. Sie weinen nur … sie sind traurig. Sie sind verzweifelt. Sie haben so viele Fragen. Was mit ihnen passiert, ist nicht fair." Popal kennt diese Angst und den Terror, den die Taliban ausüben, aus eigenen Erfahrungen. Dass die afghanische Frauennationalmannschaft jemals wieder spielt, ist für sie aktuell kaum vorstellbar. "Frauen haben die Hoffnung verloren."

"Ich werde mich nie mit ihnen anfreunden"

Haydary weiß, wie schwer es derzeit die Frauen in Afghanistan haben. "Es ist sehr schwer für Frauen, weil sie oft bedroht werden", sagt der 23-Jährige. "Die Taliban sprechen oft im Namen des Islam, aber mit Waffen herumzulaufen und unschuldige Menschen zu töten, hat wirklich nichts mit der Religion zu tun. Sich dann als Muslim zu bezeichnen, ist nichts als fake!" Die Zukunft des Fußballs im Land sieht Haydary kritisch. Aber das sei auch nicht wichtig momentan.

Der Fußballer, der in Polen kickt, wählt klare Worte. Man merkt, dass ihn die Situation mitnimmt, sie ihn traurig macht. Das fällt einem auch auf, als er eine Episode einer seiner Nationalmannschafts-Reisen erzählt. Afghanistan gewann einmal eine wichtige Partie, daraufhin hat das Team Glückwünsche von den Taliban bekommen. "Das war mir egal", so Haydary. "Ich werde mich nie mit ihnen anfreunden oder eine Einladung annehmen. Die Zukunft des Landes ist im Moment wichtiger."

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