Missbrauch in Münster: Vorwürfe gegen Jugendamt

Die Polizei in Münster hat ein Pädophilen-Netzwerk aufgedeckt und in mehreren Bundesländern elf Verdächtige festgenommen. Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-jähriger IT-Techniker aus Münster. Die Polizei hat auf den Servern 600 Terabyte verschlüsseltes Material gefunden. Gegen die Behörden wurden schwere Vorwürfe erhoben.

Die schockierenden Taten haben die Ermittler fassungslos zurückgelassen, die von den Verdächtigen benutzte hochprofessionelle Technik brachte die Polizei an ihre Grenzen: In Nordrhein-Westfalen haben die Behörden ein Pädophilen-Netz entdeckt und bundesweit elf Verdächtige festgenommen, "Heute" berichtete. Sieben der Beschuldigten befinden sich in Untersuchungshaft.

Darunter ist auch die Mutter des Hauptbeschuldigten, die als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet hat. Ihre Gartenlaube in Münster gilt als Haupttatort. Hier sollen sich die Pädophilen regelmäßig getroffen haben.

Material für 30 Jahre

Der Hauptbeschuldigte IT-Techniker Adrian V. (27) hatte sich in seinem Haus in Münster zudem einen Serverraum in seinem Keller eingerichtet. Die Ermittler fanden hochprofessionelle technische Ausstattung zur Videoaufzeichnung und stellten mehr als 600 Terabyte verschlüsseltes Material sicher. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Handelsübliche Computer für den Heimgebrauch haben Speicherplatten mit einer Größe von ein bis drei Terabyte.

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"Je nach der technischen Qualität des Materials würde ein Mensch mehr als 30 Jahre lang pausenlos schauen müssen, um alles zu sehen", schreibt die "Bild-Zeitung" und zitiert einen Experten: "Mit dem herkömmlichen Mittel des Sichtens wird man hier nicht weiterkommen." Deswegen müsse eigens ein Programm entwickelt werden, das die Daten automatisch durchforste.

Männer missbrauchten Stiefsohn (10) und Sohn (5)

Auch in der Gartenlaube wurde man fündig: In einer Zwischendecke entdeckten die Ermittler eine Videoanlage und weitere Festplatten. Auf einer war ein Film gespeichert, der auch erfahrene Polizisten entsetzte.

Offenbar missbrauchten darauf vier Männer zwei Jungen mehrere Stunden mit Werkzeugen. Einer der Buben ist der zehnjährige Stiefsohn des Hauptverdächtigen V., der andere der fünfjährige Sohn eines Täters aus Hessen. Ein weiterer Mann aus der Tätergruppe stammt aus Brandenburg: 42 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder, Vereinsvorsitzender einer Schrebergartenanlage, Karate-Trainer.

Bei den weiteren Beschuldigten, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, handelt es sich um Männer aus Hannover (35 Jahre alt), Kassel (43) und Köln (41). Insgesamt wurden drei Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren als Opfer der Männer identifiziert.

Nur die Spitze des Eisbergs

Das bisherige Ermittlungsergebnis sei wohl nur die Spitze des Eisbergs, hieß es. Münsters Polizeipräsident Rainer Furth sagte: "Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus."

Wie kamen die Ermittler auf den Pädophilenring? Offenbar hatten sie schon seit 2018 Spur aufgenommen. Damals hatte ein Unbekannter Dateien mit kinderpornografischem Inhalt im Darknet angeboten. Die IP-Adresse führte zu einem landwirtschaftlichen Betrieb, wo Adrian V. als Systemadministrator tätig war. Der heute 27-Jährige war der Polizei bereits schon bekannt: V. war schon 2016 und 2017 wegen des Besitzes von kinderpornografischen Schriften zu je zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden.

Mutter nahm Missbrauch in Kauf

Am Sonntag wurde außerdem bekannt: Die Mutter des Verdächtigen soll bis zu ihrer Festnahme als Erzieherin gearbeitet haben. Derzeit gebe es aber keine Hinweise auf Taten der 45-Jährigen im Kindergarten, so die Polizei. Gegen die Frau wurde dennoch ein Haftbefehl erlassen, da sie ihrem Sohn die Schlüssel für die Gartenlaube überlassen und den sexuellen Missbrauch der Kinder in Kauf genommen haben soll.

Doch auch die Behörden müssen sich schwere Vorwürfe gefallen lassen. Das Jugendamt der Stadt Münster hatte bereits 2015 Kontakt zur Familie des Hauptverdächtigen, nahm aber den heute zehnjährigen Buben nicht aus der elterlichen Verantwortung, obwohl der "soziale Kindsvater wegen des Besitzes und des Vertriebs pornografischer Daten aufgefallen war", wie die Stadt mitteilte. Laut Polizei entschied das Gericht Anfang 2017 sogar, das Jugendamt solle sich im Fall dieser Familie ganz heraushalten.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter forderte nach Bekanntwerden des Missbrauchsfalls eine deutlich verbesserte personelle und technische Ausstattung bei der Polizei.

Mehrere schwere Fälle in Nordrhein-Westfalen

In Nordrhein-Westfalen sind in den vergangenen Jahren mehrmals schwere Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern entdeckt worden. Zuerst Ende 2018 der Fall Lügde, bei dem mehrere Männer auf einem Campingplatz an der Landesgrenze zu Niedersachsen über 30 Kinder jahrelang vergewaltigt und die Bilder zum Teil über das Internet angeboten hatten.

Seit Monaten ermitteln Beamte unter Federführung der Kölner Polizei zudem in einem bundesweiten Missbrauchskomplex, der in Bergisch Gladbach seinen Anfang nahm. Dort hatten Ermittler im Oktober die Wohnung eines 42-Jährigen durchsucht und riesige Mengen kinderpornografischen Materials gefunden. Spezialisten sind bis heute mit der Auswertung beschäftigt.

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