Nach der Schauspielschule kam für Michael Steiger, wie für so viele Künstler:innen, zunächst die große Leere. Heute sieht die Sache anders aus: Mit burgenländischem Dialekt, pointierten Beobachtungen über das Landleben und viel Gespür für Social Media hat sich der Schauspieler zu einem gefragten Kabarett-Newcomer gemausert. Seine Vorstellungen sind bis November ausverkauft, am 3. September feiert sein erstes Programm "Grammel Pogatscherl Eskalation" Wien-Premiere.
Dass der Erfolg so schnell kommen würde, überrascht Steiger selbst. Seine Videos auf Instagram erreichten immer mehr Menschen – und aus 20.000 Followern und mehr wurden zahlende Besucher. "Es ist zum Teil ein bisschen absurd, weil die Programme binnen Stunden ausverkauft waren und das eigentlich nur durch Social Media", erzählt er. Schließlich habe es weder Kritiken noch Berichte über sein Bühnenprogramm gegeben.
Für Steiger zeigt das auch die positive Seite der sozialen Netzwerke. Besonders beeindruckt ihn die Loyalität seines Publikums: "Es ist ein Unterschied, ob ich mir ein 1:30 Minuten langes Reel auf der Couch ansehe oder ob ich Geld investiere, wohin fahre, mir einen Abend freinehme und wirklich zu einer Vorstellung komme." Der sympathische Newcomer zeigt sich im "Heute"-Interview dankbar und bodenständig, aber vor allem eines: authentisch.
Ganz unkritisch sieht er Social Media dennoch nicht. Die Anonymität senke bei manchen die Hemmschwelle. Unter seinen eigenen Beiträgen sei die Gesprächskultur zwar überwiegend positiv, bei Kollegen beobachte er jedoch Kommentare, die "einfach oft unter die Gürtellinie" gingen.
Im Mittelpunkt seiner Videos stehen Figuren, die einem im Dorf durchaus begegnen könnten. Steiger feiert dabei den burgenländischen Dialekt und die Eigenheiten des Landlebens, ohne sie zu verklären. Hinter dem Humor steckt immer wieder Kritik an engen gesellschaftlichen Vorstellungen.
"Ich glaube, man kann mit zwei, drei humorvollen Sätzen wahnsinnig viele Botschaften gleichzeitig vermitteln", sagt er. Manche der Menschen, die heute als Inspiration für seine Figuren dienen, hätten früher sogar dazu beigetragen, dass er das Burgenland verlassen wollte. Das Gerede im Dorf könne schließlich "teilweise einfach sehr einengend" sein.
Mittlerweile hat sich sein Verhältnis zur Heimat verändert. Nach vier Jahren in Wien zog Steiger wieder zurück. "Ich bin jetzt wieder kompletter Burgenländer und mir geht’s super damit." Die Ruhe, die ihm früher zu wenig war, weiß er heute zu schätzen.
Auch seinen Dialekt, den er anfangs in der Stadt eher verstecken wollte, trägt er inzwischen mit Selbstbewusstsein. Eine Dozentin an der Schauspielschule gab ihm dafür einen Satz mit auf den Weg: "Dialekt ist das größte Geschenk, das ihr haben könnt."
Bevor Steiger vollständig auf die Kunst setzte, hatte er noch ein zweites berufliches Standbein. Vor seiner Schauspielausbildung absolvierte er eine Pflegeausbildung und arbeitete bis Februar als Betreuer einer Wohngemeinschaft, später sogar als Betreuungsleiter.
Als parallel dazu seine Reichweite in den sozialen Medien explodierte, musste er sich entscheiden. Beide Karrieren gleichzeitig zu verfolgen, funktionierte nicht. "Ich hatte vier Monate vor der Premiere noch kein Programm", erinnert er sich. Also zog er die Konsequenz: "Dann hab ich aber die Reißleine ziehen müssen und hab den Sprung in die Selbstständigkeit als Künstler gewagt."
Dieser Sprung scheint sich auszuzahlen. Mit "Grammel Pogatscherl Eskalation" verbindet Steiger klassischen Kabarett-Schmäh mit Storytelling, Situationskomik und körperlichem Humor. Am 20. Jänner wartet im Globe in der Wiener Marx-Halle schließlich sein bislang größtes Publikum.
Doch Steiger will sich langfristig nicht auf Kabarett reduzieren lassen. Eine Episode von "Soko Donau" hat er bereits gedreht, außerdem synchronisierte er eine Figur in einem Animationsfilm – selbstverständlich auf Burgenländisch. Auch von einem eigenen Film träumt er.
Denn auf einen Stempel möchte sich der Newcomer nicht festlegen lassen: "Ich würde gerne der breiten Masse zeigen, dass beides möglich ist: Tiefgang und Komödie."