Dass Lego nicht nur Kinder glücklich macht, zeigt Künstler Jan Vormann vor. Mit seinen Kunstwerken bringt er Farbe in den Alltag, am Samstag war er in Wien.
Seit sieben Jahren ist der deutsche Künstler Jan Vormann (35) in der ganzen Welt unterwegs, um Löcher und Risse in Mauern, Brücken oder Häusern mit Leo-Steinen auszufüllen. Bei seinem Gastspiel am Samstag "stopfte" er die Schadstellen in der Fassade der Canisiuskirche in Wien-Alsergrund.
"Mit den bunten Plastikspielsteinen verbindet jeder etwas Positives. Lego eignet sich aber nicht nur als Spielzeug, sondern auch als grenzenüberschreitendes verbindendes Element", erklärt Vormann gegenüber "Heute".
Mit 20kg Bausteinen nach Wien
Zu der Kunst-Aktion reiste der studierte Bildhauer und Denkmalpfleger schon am Freitag mit Handgepäck (für ihn) sowie Zusatzgepäck (mit 20 Kilogramm Lego-Steinen) an. Mit an Bord waren vor allem Spezialsteine ohne Noppen oder Abschlusssteine, mit denen Vormann jede Fläche perfekt nachformen und ausfüllen kann.
Dass Vormann mit hunderten bunten Plastikbausteinen um die Welt reist, führte in der Vergangenheit auch schon bei dem einen oder anderen Flughafen für Rätselraten. "Das ist schon vorgekommen, dass ich bei Kontrollen gefragt wurde, wieso ich soviele Lego-Steine mithabe, aber wenn ich das dann erkläre, finden es alle toll", schmunzelt Vormann.
Insgesamt vier Schadstellen füllte der Künstler am Samstag. "Davon waren drei Löcher in der Kirchenfassade und eines im Kreuzgang. Toll war, dass auch die Kinder fleißig mitmachten", so Vormann.
"Junge Menschen müssen sich ausprobieren"
Für ihn als Künstler sei es wichtig, dass Kinder und Jugendliche Möglichkeiten kennenlernen, sich auszudrücken. Dazu zählen Kunstformen wie Graffiti oder Street Art ebenso wie die Erstellung von Flugzetteln wie es beispielsweise die Geschwister Sophie und Hans Scholl getan haben. "Jeder junge Mensch muss sich manchmal auch ein bißchen auflehnen, um die eigenen Grenzen auszutesten. Wichtig ist das gerade in autoritären System und wenn, so wie heute, die soziale Ausgrenzung stärker wird", betont Vormann.
Obwohl er weltweit durch seine Lego-Interventionen berühmt wurde, sei das Stopfen von Löchern mit bunten Spielsteinen aber nur ein Sommerprojekt, wie Vormann erklärt. Seine Haupttätigkeit seien Installationen und Bildhauerei, daneben unterrichtet er in Berlin kinetische ("alles was sich bewegt") und kybernetische ("alles was reagiert, zum Beispiel Lichtschranken, die eine Tür öffnen") Kunst.
Vergänglichkeit als Thema
Obwohl wie der Canisius-Kirche die hunderten verbauten Lego-Steine in der Wand bleiben könnten, sieht Vormann seine Werke als vergängliche Kunst. "Die größte Gefahr für die Steine sind der Wind und Kinder", lacht Vormann, selbst Vater eines kleinen Sohns.
Die Lego-Flicken werden nicht fix in die Schadstellen geklebt, denn das "wäre Vandalismus". Stattdessen werden die Löcher nur oberflächlich gestopft und punktuell mit Klebegummi befestigt. "Ich sehe das aber als interessantes Zusatzthema, quasi ist es eine Art 'Memento Mori'", erklärt Vormann.
"Lego-Kunst" für alle
Obwohl der Gedanke nahe liegt, hat der Künstler mit seiner "Dispatchwork" nicht in erster Linie Kinder als Publikum im Auge. "Ich sehe Menschen ein bißchen wie Bäume, im Inneren ist jeder jung", erklärt Vormann. Das tolle am Arbeitsmaterial Lego sei für ihn die Verbindung aus alter und neuer Bausubstanz. "Plastik ist ein zeitgenössisches Material, zu jeder Zeit hat jeder von uns irgendwas aus Plastik in der Nähe".
(Quelle: Youtube)
Projekte soll Menschen zum Handeln motivieren
Zudem hätten die bunten Spielsteine auch eine stark integrative und partizipative Wirkung. Und die nutzt der Künstler auch für verschiedene Themen. In Hongkong (China) führte er etwa ein Projekt um, das die hohen Suizidraten bei Jugendlichen aufgriff. "Meine Kunst kann nicht die Welt retten, aber sie kann aufzeigen, dass es andere Wege gibt", erklärt Vormann.
2015 war Vormann in Venezuela. Zusammen mit dem Team des Ideenlabors "Incursiones" reparierte der Künstler sechs schadhafte Flicken in Caracas, darunter Gehsteige, Parkbänke oder Fußböden. "Die drei gefährlichsten Städte der Welt liegen alle in Venezuela. Mit der Lego-Aktion wollten wir die Bewohner motivieren, sich wieder in den öffentlichen Raum zu trauen und ihn für sich zurückzuerobern. Es geht hier um Selbstbeteiligung und um erste kleine Veränderungen", erklärt Vormann.
Plattform für weltweite "Lego-Kunst"
Auf seiner Webseite Dispatch.info bietet Vormann Künstlern und Lego-Fans aus aller Welt eine Plattform, um ihre Kunstwerke zu zeigen. "Hier kann jeder seine Beiträge hochladen. Das Schöne ist, dass Menschen, die sich nicht kennen hier ihre Liebe zum Material teilen", so Vormann.
Fotos und Infos zu Jan Vormann gibt es online hier.