"Moria evakuieren, Menschen in Österreich aufnehmen"

Das Flüchtlingslager Moria wurde ein Raub der Flammen. Rund 12.600 Menschen lebten dort.
Das Flüchtlingslager Moria wurde ein Raub der Flammen. Rund 12.600 Menschen lebten dort.picturedesk.com
Nach dem verheerenden Brand im Flüchtlingslager Moria fordert der Grüne Thomas Waiitz, dass Österreich flüchtende Bewohner sofort aufnimmt.

Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos stand nach dem Ausbruch mehrerer Brände in der Nacht auf Mittwoch fast vollständig in Flammen. In den frühen Morgenstunden wütete das Feuer weiter, angefacht von Winden mit bis zu 70 Stundenkilometern. Schon in der Nacht begannen die Behörden laut griechischen Medienberichten mit der Evakuierung des Lagers, nachdem Wohncontainer Feuer gefangen hatten. 

Ein Sprecher bestätigte außerdem, dass Migranten versucht hätten, die Feuerwehr an den Löscharbeiten zu hindern. Verletzte oder gar Tote gab es Stand Mittwochmorgen nicht, wie griechische Medien übereinstimmend berichteten. Athen hat zusätzliche Bereitschaftspolizisten zur Insel entsandt. Die Unruhen im Lager hatten bereits am Dienstagabend ihren Lauf genommen, nachdem bekannt geworden war, dass es mittlerweile mindestens 35 Corona-Fälle im Lager gibt. Moria war deshalb abgeriegelt und bis zum 15. September unter Quarantäne gestellt worden.

Flüchtlingslager fast vollkommen zerstört

Moria ist das größte Flüchtlingslager Griechenlands und Europas. Es ist seit Jahren heillos überfüllt, zuletzt leben dort nach Angaben des griechischen Migrationsministeriums rund 12.600 Flüchtlinge und Migranten, bei einer Kapazität von 2.800 Plätzen. Im Laufe des Tages soll laut Regierungssprecher Stelios Petsas den Notstand für die Insel Lesbos ausgerufen werden. Das Flüchtlingscamp ist durch den Großbrand fast vollständig zerstört worden. Das sagten zwei Offiziere der Feuerwehr am Mittwoch im staatlichen Fernsehen (ERT).

Das Staatsfernsehen, das mit einer Sondererlaubnis aus dem Lager berichten durfte, zeigte Bilder von verkohlten Containerwohnungen und verbrannten Zelten rund um das Camp. Der griechische Innenminister sowie die Verantwortlichen des Corona-Krisenstabes wollten sich ein Bild von der Lage vor Ort machen und am Abend bekanntgeben, wie es weitergehen solle, teilte Regierungssprecher Stelios Petsas mit.

"Österreich muss jetzt flüchtende BewohnerInnen aus Moria aufnehmen, die nach dem Brand wieder vor dem Nichts stehen"

Thomas Waitz, EU-Abgeordneter und Ko-Vorsitzender der Europäischen Grünen Partei, findet harte Worte: "Das brennende Lager hält uns einen Spiegel vor’s Gesicht: Wir als Europäische Union haben versagt. Das sind unmenschliche Zustände mitten in der EU. Die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln sind seit Jahren heillos überfüllt und die Menschen unterversorgt. Es fehlt an Infrastruktur, Lebensmitteln und rechtlicher Beratung. Eine Evakuierung ist längst überfällig."

Aus Angst vor sinkenden Beliebtheitswertenwürden rechtskonservative Staatsoberhäupte ein faires Migrations- und Verteilungssystem in Europa blockieren und damit tausende Menschen im Stich lassen. Waitz wagt auch einen Vorstoß: "Österreich muss jetzt flüchtende BewohnerInnen aus Moria aufnehmen, die nach dem Brand wieder vor dem Nichts stehen. Die ÖVP sollte ihre Blockade aufgeben, statt sich täglich mehr der FPÖ anzunähern."

"Wir dürfen jetzt keine Sekunde verlieren und müssen sofort handeln und helfen, um die obdachlos gewordenen Menschen aus diesem Elend zu holen"

Auf Soforthilfe pocht auch die außenpolitische und Menschenrechtssprecherin der Grünen, Ewa Ernst-Dziedzic: "Wir dürfen jetzt keine Sekunde verlieren und müssen sofort handeln und helfen, um die obdachlos gewordenen Menschen aus diesem Elend zu holen." Ernst-Dziedzic hatte sich im März 2020 selbst ein Bild vor Ort machen können: "Seit Monaten weisen wir auf die unhaltbaren Zustände im Flüchtlingslager Moria hin. Seit Monaten fordern wir die Evakuierung von geflüchteten Menschen aus dem völlig überbelegten Lager. Seit Monaten warnen wir vor einem Corona-Ausbruch an diesem dicht gedrängten Ort. Die europäischen Staaten haben die dringenden Appelle an die Menschlichkeit bisher jedoch systematisch ignoriert. Jetzt sind unsere schlimmsten Befürchtungen wahr geworden."

Alle EU-Mitgliedsstaaten seien nun in der Verantwortung, so die Politikerin. "Jetzt zu helfen ist ein Gebot der Menschlichkeit und noch dazu nicht schwer: In Österreich haben sich Länder und Gemeinden für die Aufnahme von Kindern aus dem Flüchtlingslager ausgesprochen. Aus Österreich muss jetzt rasch Hilfe kommen", so Ernst-Dziedzic. NEOS-Sprecher für Äußeres Helmut Brandstätter plädiert dafür, dass Österreich "schnellstmöglich kranke Kinder aus den griechischen Flüchtlingslagern aufnehmen" sollte: "Wir dürfen als Europa und auch als Österreich nicht länger tatenlos zusehen und müssen hier helfen und endlich Kinder aus diesen Elendslagern aufnehmen." "Jetzt wo Moria brennt, ist es das Gebot der Stunde, dass wir 100 Flüchtlingskinder aufnehmen!", sagt NEOS Wien Spitzenkandidat Christoph Wiederkehr. 

"Mit der Blockade einzelner Mitgliedstaaten muss jetzt endlich Schluss sein. Wir sind als Union verpflichtet, faire Verfahren und eine menschenwürdige Unterbringung zu organisieren. Das kann nur dann funktionieren, wenn alle EU-Staaten Verantwortung übernehmen. Das würde ich mir selbstverständlich auch von der österreichischen Regierung erwarten", wiederum SPÖ-Europaabgeordnete Bettina Vollath. Gegenteiliges von der FPÖ: "Wenn Tausende von Moria in Europa verteilt werden und die Brandstifter Erfolg haben, wird es weiteren Zustrom geben und das Erfolgsmodell 'Einreise durch Brandstiftung' fortgesetzt. Wer das Dach, das ihn schützt, anzündet, hat in Österreich und ganz Europa nichts verloren", so der Wiener FPÖ-Chef und Vizebürgermeister Dominik Nepp.

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