Murer: Justiz-Schande wird zu Kino-Nervenkrieg

137 Minuten Nervenkrimi: In "Murer" beleuchtet ein großartiger Cast einen empörenden Justizskandal und beispiellose Polit-Packelei.

Wer "Murer - Anatomie eines Prozesses" (eröffnet 2018 die Diagonale in Graz) gesehen hat, wird ihn nicht mehr vergessen. Regisseur und Drehbuchautor Christian Frosch rollt den Prozess um den Steirer Franz Murer auf, der 1963 in Graz für einen der größten Justizskandale der 2. Republik sorgte.

Murer (Karl Fischer) war von 1941-43 als SS-Führer für das jüdische Ghetto in Vilnius (Litauen) verantwortlich. Im "Jerusalem des Ostens" lebten vor dem Krieg 80.000 Menschen, danach 600. Murer wurde der "Schlächter von Wilna" (dt. Name von Vilnius, Anm.) genannt. Zeitzeugen gaben an, dass er es liebte, seine Opfer zu verhöhnen und zu quälen.

Originaler Gerichtsakt als Vorlage

Frosch zeigt, wie es trotz der erdrückenden Beweise zu einem Freispruch kommen konnte. Er stützt sich dabei auf originale Gerichtsdokumente und die beeindruckende Leistung seines Casts.

Ein Jahr in russischer Gefangenschaft ist wie fünf in österreichischer

Nach dem Krieg wurde der einstige SS-Führer von den Russen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach sechs Jahren lieferte man ihn unter der Voraussetzung nach Österreich aus, dass ihm dort erneut der Prozess gemacht werde. Aber in der Heimat verfolgte man die Sache nicht weiter. Die Begründung: Ein Jahr in russischer Gefangenschaft wäre wie fünf in österreichischer.

SS-Führer macht Karriere und hat gute Parteifreunde

Erst Jahre später, 1963, und auch nur nach internationaler Intervention und auf Bestreben von Simon Wiesenthal, stand der Großbauer auch in Österreich vor Gericht. Inzwischen hatte Murer in der Heimat Karriere gemacht, war Obmann der Bezirksbauernkammer Liezen und in der ÖVP bestens vernetzt.

Medien und Politik wettern gegen Opfer

Hier setzt der Film an, behandelt werden die zehn Prozesstage in Graz, in denen über Murers Schuld entschieden wurde. Von überall auf der Welt kamen ehemalige Opfer, um gegen ihn auszusagen. Während im Gerichtssaal die Überlebenden des Holocaust ihre Seele und die Erlebnisse der Vergangenheit offenlegten, waren offizielle Stellen nicht daran interessiert, einen Schuldigen zu finden. Damalige (Zeitungs-)Berichte gaben an, Murers Söhne hätten die jüdischen Zeugen verhöhnt. Die Medien selbst prangerten die Fahrtkostenerstattung für die Zeugen als Geldverschwendung an.

Einer der größten Justizskandale der 2. Republik

Es kam zum Freispruch - und zu einem der größten Justizskandale der 2. Republik. Murer lebte bis zu seinem Lebensende 1994 in der Steiermark und war bis zuletzt Bezirksbauernvertreter der ÖVP.

Murer-Sohn saß im Nationalrat, wollte Unschuld beweisen

Heute ist der Name Franz Murer in Österreich in Vergessenheit geraten. Dabei war sein Sohn Gerulf selbst politisch höchst aktiv, saß 14 Jahre lang in den 1980ern und 90ern für die FPÖ im Nationalrat und war vier Jahre lang als Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium tätig. Damals kündigte der Politiker an, unabhängige deutsche Historiker die Unschuld seines Vaters beweisen zu lassen. Das Buch ist bis heute nicht erschienen.

Auf den ersten Blick lang erscheinend, werden die 137 Filmminuten keine Sekunde langweilig. Im Gegenteil: Zwischen Anklagebank, Zeugenstand und Schöffen spielt sich ein Nervenkrimi ab, der dem Zuschauer an die Substanz geht. Die Ohnmacht der Zeugen steht der politischen Packelei hinter den Kulissen, vom Grazer Landhaus bis in die Wiener Ministerien, gegenüber.

"Murer - Anatomie eines Prozesses" beschränkt sich nicht auf das Wiederkäuen von Kriegsgräueln, sondern zeigt, wie in Österreich mit ehemaligen Kriegsverbrechern umgegangen wurde. Wie Justiz, Politik, Medien und Bevölkerung mit der Situation umgehen.

"Eine g'schobene Partie"

Von der ersten Minute an ist der Prozess eine Farce. Wie sehr hinter den Kulissen die Fäden gezogen werden, kommt im Film erst ganz am Schluss heraus. Dass die angereisten Opfer alte Wunden aufreißen, um die Vorgänge im Krieg vor Zeugen zu schildern ist verlorene Liebesmüh, das Ergebnis des Prozesses steht bereits fest. Ein Richter, der früher bei der NSDAP war, Zeugen der Verteidigung, die von "Verwechslung" sprechen.

Mit:

Karl Fischer (Franz Murer)

Karl Markovics (Simon Wiesenthal)

Alexander E. Fennon (Verteidiger Böck)

Roland Jaeger (Staatsanwalt Schuhmann)

Melita Jurisic (Rosa)

Ursula Ofner-Scribano (Elisabeth Murer)

Gerhard Liebmann (Julius)

Trailer zum Film:

(lam)

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