Wien

"Nach dem Tod meines Mannes fiel ich in ein Loch"

Daniela Zupancic kämpfte lange Zeit mit der Einsamkeit. Heute ist sie beim Plaudernetz der Caritas tätig und hilft anderen mit ihren Erfahrungen.
Yvonne Mresch
16.05.2023, 16:58
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben

Innerhalb kürzester Zeit änderte sich das Leben von Daniela Zupancic für immer: Kurz vor Ausbruch der Pandemie verlor die Pensionistin ihren Mann, mit dem sie jahrzehntelang verheiratet war. Die Kinder waren bereits erwachsen und außer Haus, der gemeinsame Hund verstarb ebenso. "Ich war plötzlich völlig allein", erzählt sie.

"Ich habe Pärchen gesehen und beneidete sie"

Dann kam Corona – und der erste Lockdown. "Ich konnte nicht mehr raus und hatte niemanden bei mir. Ich fiel in ein tiefes Loch, die Einsamkeit kroch hoch und ich befand mich in einer Art Starre, war antriebslos. Alles war Grau in Grau und ich dachte, ich komme aus dieser Trauer nie wieder raus. Deshalb habe ich mich dem Schmerz hingegeben", sagt die über 60-jährige Wienerin. Spaziergänge wurden für sie zur Tortur: "Ich habe Pärchen gesehen und beneidete die Menschen. Ich dachte immer, es wäre so schön jetzt zu zweit hier zu gehen. Das war fürchterlich. Ich habe meinen Mann sehr geliebt und wir haben uns wirklich auf die Pensionsjahre gefreut."

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen
Daniela Zupancic musste selbst Einsamkeit erleben. Heute macht sie anderen Menschen beim Caritas Plaudernetz Mut.
Privat/zVg

"In mein altes Leben konnte ich nicht mehr zurück"

In einem Zeitungsartikel erfuhr Zupancic vom Plaudernetz der Caritas. Dort können Menschen aus unterschiedlichen Bundesländern miteinander verbunden werden. Freiwillige sprechen mit Personen, die von Einsamkeit betroffen sind oder andere Probleme haben. "Ich habe mich schon als Mädchen für Telefonseelsorge interessiert", so Zupancic. "Ich kann gut mit Menschen umgehen, habe keine Scheu und bin ein empathischer und hypersensibler Mensch."

Für sie war das Engagement ein erster Schritt in ein neues Leben: "Ich konnte nach der Pandemie ja nicht zurück in mein altes Leben. Aber ich bin eine Kämpferin und habe gespürt, die Leute brauchen mich." 99 Prozent aller Menschen, die bei Zupancic anrufen, würden an "kompletter Einsamkeit" leiden, sagt sie. "Sie leben wie auf einer Insel, sind aus der Gesellschaft herausgefallen und haben keine Kontakte." Die Anrufer sind zwischen 20 und 85 Jahre alt, die Probleme reichen von Liebeskummer bis zum Todesfall, erzählt sie.

Jeder Vierte fühlt sich durch Pandemie einsamer

Das Thema Einsamkeit ist in vielen Bereichen der Gesellschaft präsent, wie die Caritas im Rahmen eines Medientermins aufzeigte. Gemeinsam mit Magenta wurde eine Umfrage unter dem Titel "Wie einsam ist Österreich?" präsentiert. 1.000 Menschen wurden befragt: Jeder Vierte berichtet, sich aufgrund der Corona-Pandemie einsamer zu fühlen. 17 Prozent gaben an, dass sie Sozialkontakte durch die Preisanstiege einschränken mussten.

Und auch ältere Menschen geben deutlich häufiger als andere an, "mehr als die Hälfte der Zeit" einsam zu sein. Insgesamt räumt fast jeder Dritte ein, dass seine Lebensqualität durch Einsamkeit verringert wird. Jeder Vierte wünscht sich mehr soziale Kontakte. Die Ergebnisse zeigen auch, dass Einsamkeit ein Thema ist, über das nicht gern gesprochen wird. Jeder zweite Befragte ist überzeugt: Es ist ein Tabuthema. Und mehr als zwei Drittel der Befragten sind der Meinung: Einsamkeit nimmt zu. Eine knappe Mehrheit der Bevölkerung (53 Prozent) ist überzeugt, dass die Politik mehr Maßnahmen gegen Einsamkeit setzen sollte.

"Wer den sozialen Zusammenhalt in unserem Land stärken will, muss die Einsamkeit bekämpfen", betont Caritas Wien-Chef Klaus Schwertner. "Wir sehen, wie stark das Phänomen in Österreich heute verbreitet ist. Und deutlich wird auch, dass Pandemie und Inflation es wie Brandbeschleuniger verstärken."  

Schwertner: "Keine Aufgabe für Facebook!"

Helfen würde vielen "ein gutes Telefonat", wie die Umfrage zeigt. Seit 2020 gibt es das Caritas Plaudernetz. Mehr als 34.000 Gespräche wurden seither geführt, täglich kommen 50 bis 70 Gespräche dazu. Die Gespräche dauern durchschnittlich 25 Minuten. Über 4.100 Plauderpartner haben sich angemeldet und mehr als 5.500 Anrufer die Nummer gewählt.

"Als Caritas wünschen wir uns einen eigenen Regierungsbeauftragten, eine ressortübergreifende Strategie gegen Einsamkeit und einen jährlichen Einsamkeitsbericht", so Schwertner. "Wir brauchen ein breites Bündnis aus Bund, Ländern, Gemeinden, Glaubensgemeinschaften, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Die Bundesregierung sollte lokale Initiativen und Freiwilligenarbeit stärker fördern und einen Digitalisierungs- und Innovationsfonds auf den Weg bringen. Einsame Menschen in die Gesellschaft zu holen, ist keine Aufgabe für Facebook oder Partnerschaftsbörsen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und eine Aufgabe der Politik."

Die Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit hat Daniela Zupancic hinter sich gelassen und wie sie sagt "ein neues Leben begonnen". "Bei meiner Tätigkeit gebe ich Menschen Zeit, Zuwendung, Herzlichkeit, Wärme und das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen. Dafür bekomme ich so viel zurück, eine große Menge an Dank. Mir kommen oft die Tränen. Dann fühle ich mich wie eine Batterie, die neu aufgeladen wurde!"

Mehr zum Thema