Wird der IS jetzt für uns noch gefährlicher?

Interpol-Chef Jürgen Stock warnt: Jetzt kriegen wir es mit einem "IS 2.0" zu tun, der noch internationaler agiert. Terrorexperte Guido Steinberg stimmt zu.
Der Fall des Kalifats sei ein großer militärischer Erfolg, aber "es ist leider nicht das Ende des IS und seiner Ideologie", sagt Interpol-Chef Jürgen Stock im Interview mit ITV2. Ihm zufolge werden wir es jetzt mit einem "IS 2.0" zu tun bekommen. Dieser "IS 2.0" sei "noch internationaler", als es die Terrormiliz vor dem Fall des sogenannten Islamischen Staates gewesen sei.

Ein ernüchternder Ausblick, gerade was die Sicherheitslage angeht. Teilt Terrorexperte Guido Steinberg diese Einschätzung? Das Schweizer Nachrichtenportal "20 Minuten" hat nachgefragt.

Herr Steinberg. Steigt bei uns die Terrorgefahr mit dem Ende des IS-Kalifats in Syrien und Irak?

Um mit dem Positiven zu beginnen: Mit dem Verlust seines Territoriums hat der IS auch viele Rekrutierungsmöglichkeiten sowie die Möglichkeit verloren, zentralisiert Attentäter auszubilden, diese loszuschicken und vielleicht sogar noch während der Tat zu instruieren. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass der IS noch über Zellen verfügt, die das weiterhin können. Aber das haben wir lange nicht mehr gesehen. Insgesamt hat sich die Sicherheitslage zumindest in Europa verbessert.

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"Wir müssen befürchten, dass mehr Leute aktiv und unterwegs sind, als bekannt"


Also geht jetzt vom IS keine erhöhte Gefahr aus?

Leider doch. Denn der IS hat sich auf diese Situation vorbereitet. Was uns mit der großen Frage zurücklässt: Wo sind die ganzen ausländischen IS-Kämpfer abgeblieben? Auf dem Höhepunkt hatte die Organisation bis zu 40.000 Kämpfer unter Waffen. Wenn man sich einzelne Kontingente des IS anschaut – etwa der deutschen Kämpfer –, dann ist auffällig, dass bei Hunderten unklar ist, wo sie sich aufhalten. Ich nehme an, dass viele von ihnen tot sind, im Schutt in Raqqa und Mosul oder in Tunneln im Euphrattal liegen. Wir werden nie erfahren, was aus ihnen geworden ist. Allerdings müssen wir auch befürchten, dass mehr Leute im Untergrund aktiv bleiben, als bekannt ist. Das wird eine der großen Fragen der nächsten Jahre sein: Wer lebt noch, wer nicht?

Wo könnten diese Leute am ehesten sein?

In der Türkei oder bei einem der IS-Ableger in Afrika oder Asien. Tatsächlich hat der IS fünf sehr wichtige Provinzen gegründet. Auf den Philippinen, im Jemen, auf dem Sinai, in Libyen und Afghanistan. Diese Ableger sehe ich tatsächlich als Problem – obwohl sie jeweils eigenständig operieren dürften, weil die Zentralen in den beiden IS-Hauptstädten Mosul und Raqqa nicht mehr bestehen.

"Es würde mich nicht wundern, wenn wir in den nächsten Monaten noch mehr Kampfgebiete entdecken"


Zieht der IS auch einen Vorteil aus dem Ende seines "Kalifats"?

Der Vorteil für den IS nach dem Fall des Kalifats ist die Fragmentierung der Organisation, sie ist jetzt weniger angreifbar. Damit gehen aber neben den bereits erwähnten Rekrutierungsschwierigkeiten auch Organisationsprobleme einher. So gab es eine sehr enge Koordinierung zwischen der Zentrale in Mosul und den Operationsbasen in Syrien, in Libyen und IS-Gruppen weit darüber hinaus. Diese länder- und sogar kontinenteübergreifende Koordination gibt es aus meiner Sicht nicht mehr.

Der "IS 2.0" ist jetzt zwar weniger angreifbar, hat aber auch weniger Rekrutierungs- und Koordinationsmöglichkeiten. Das klingt eigentlich vielversprechend.

Das große Aber ist: Wir wissen nicht, wo der IS noch überall unterwegs ist. Er hat eine derart multinationale Truppe rekrutiert, dass es mich nicht wundern würde, wenn wir in den nächsten Monaten Kampfgebiete entdeckten, die wir noch gar nicht auf dem Schirm hatten.

Und diese Kampfgebiete könnten auch in Europa sein?

Ja. Alle Europäer hatten recht große Truppenteile beim IS, das gilt ja sogar für kleine Länder wie die Schweiz, Dänemark oder Österreich. Alle Länder mit IS-Rückkehrern müssen also jetzt sehr genau hinschauen, ob es weiterhin Strukturen gibt, die die Bekämpfungsmaßnahmen der letzten Jahre überlebt haben, oder ob Strukturen neu gebildet werden. Ich sehe es insgesamt positiv. Unsere Sicherheitsbehörden sind nicht schlecht aufgestellt. Aber es ist natürlich nie auszuschließen, dass sie einige Strukturen nicht entdecken werden.

"Es gibt nur die Option, die IS-Kämpfer zurückzuholen"


Ein letzter Punkt zu den Gefahren nach dem Fall des Kalifates: die Rückkehrer. Sollen wir diese Kämpfer lassen, wo sie sind, oder aktiv heimholen?

Es gibt aus meiner Sicht nur die Option, sie zurückzuholen. Aus drei Gründen. Erstens ist es eine völkerrechtliche Verpflichtung, daran haben wir uns zu halten. Länder wie Deutschland oder auch die Schweiz vertrauen ja auch darauf, dass Länder ihre Straftäter zurücknehmen, wenn wir sie abschieben. Wenn wir das weiterhin machen wollen – Kriminelle nach Afghanistan oder Tunesien abschieben –, dann müssen auch wir unsere mutmaßlichen Verbrecher zurücknehmen.

Zweitens: Die Amerikaner, gemeinsam mit den Kurden, haben uns die Organisation IS vom Hals geschafft. Er kann keine anspruchsvollen Anschläge wie in Paris 2015 oder Brüssel 2016 mehr verüben. Wenn sie uns also bitten, einige Dutzend Staatsbürger zurückzunehmen, halte ich es für vollkommen unmöglich, das nicht zu tun.

Mehr lesen:Warum IS-Rückkehrer so gefährlich sind

Drittens: Natürlich ist es für unsere Sicherheitsbehörden ein Problem, wenn eine größere Zahl von Personen zurückkehrt, die wahrscheinlich beim IS waren. Sie müssen abklären, was es an belastendem Material gibt, ob ein Prozess möglich ist und wer gefährlich ist und wer nicht. Aber bei den Zahlen, über die wir reden, muss das möglich sein. Trotz aller praktischen Probleme.

"Überfälle auf Gefängnisse sind ein wichtiger Bestandteil der IS-Geschichte"


Der IS hat sich darauf spezialisiert, Gefängnisse zu stürmen, und seine Leute rauszuholen. Jetzt sitzen tausende ausländische IS-Kämpfer in Syrien und Irak in überfüllten Gefängnissen. Sollte uns das nicht auch zu denken geben?

Doch. Es ist ganz richtig: Überfälle auf Gefängnisse sind ein wichtiger Bestandteil der IS-Geschichte. Sie werden das wieder versuchen, sobald sie die Möglichkeit dazu sehen. Mit dem Teilabzug der Amerikaner in Syrien ist das noch einfacher geworden. Ein weiterer Grund, die eigenen IS-Anhänger zurückzuholen.

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