Nach Schulen auch Grün und Blau gegen "Lehrerraub"

Nach Schulen und Elternverbänden üben nun auch die Wiener Grünen unter der nicht-amtsführenden Stadträtin Judith Pühringer Kritik an der Neuzuteilung der Wiener Pflichtschullehrer.
Nach Schulen und Elternverbänden üben nun auch die Wiener Grünen unter der nicht-amtsführenden Stadträtin Judith Pühringer Kritik an der Neuzuteilung der Wiener Pflichtschullehrer.GEORG HOCHMUTH / APA / picturedesk.com
Die Reform der Lehrerzuteilung sorgt vielerorts für Ärger, wir haben berichtet. Nun kritisieren auch die Wiener Grünen den "Bildungsraub".

Die Anfang Juni präsentierte neue Zuteilung von Lehrerdienstposten sorgt bei vielen Schulen für einen Aufschrei, wir haben berichtet. Während Vizebürgermeister und Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (Neos) und Bildungsdirektor Heinrich Himmer zu einem "Abstimmungsgespräch" zusammentrafen, ließen die Wiener Grünen ihrer Kritik an den "Kürzungen ohne Not" freien Lauf.

Als "unfassbaren Skandal" bezeichnet der Bildungssprecher der Wiener FPÖ, Klubobmann Maximilian Krauss die Einsparungen im Wiener Schulbereich. "Die NEOS sind in Wien angetreten, um das Bildungssystem zu verbessern, jetzt fahren sie es komplett an die Wand", so das blaue Fazit. Aus ihrer Sicht müssten Bildungsstadtrat Wiederkehr und Bildungsdirektor Himmer sofort zurücktreten, damit der Bildungskahlschlag in Wien gestoppt wird.

Heftige Kritik an "massiven Kürzungen"

In einer Pressekonferenz kritisierten die nicht-amtsführende Stadträtin Judith Pühringer sowie die Bildungssprecher Julia Malle und Felix Stadler die Reform der Stadt. Sie sehen "massive Kürzungen bei den Wiener Pflichtschulen". "Irritiert" zeigen sich die Grünen über den Zeitpunkt der Bekanntgabe der neuen Dienstposten-Einteilung: "Zwei Wochen vor Schulschluss, mitten in der Coronakrise, erfahren Schuldirektorinnen und Direktoren, dass sie ihre jahrelang umgesetzten pädagogischen Konzepte nicht fortführen können. Innerhalb weniger Tage müssen sie manchen Lehrerinnen und Lehrern kommunizieren, dass diese im September nicht mehr an die Schule zurückkommen können".

Obwohl die Bundesregierung "dank grüner Regierungsbeteiligung" dem Land Wien mehr Mittel für die Bildungseinrichtungen zur Verfügung gestellt habe, gebe es in Wien zahlreiche Kürzungen an den Schulen. Nicht nur bei "Heute", auch bei den Grünen scheinen sich die Hilferufe von Schulen und Eltern zu mehren. Eine Mutter soll berichtet haben, dass ihr nichts anders übrig geblieben sei, als ihr Kind in eine Privatschule zu geben. Ein Sonderschullehrer spricht sogar von einem "zerstörten Lebenswerk". Verzweifelt ist auch eine Direktorin, die im kommenden Schuljahr auf zumindest vier Lehrer verzichten muss: "Uns wurden oft die Stunden für Mehrstufenklassen gekürzt. Jetzt wissen wir nicht mehr, wie und was wir machen sollen". 

Grüne fordern Erklärung, wohin Lehrerposten und Gelder gehen

Von Wiederkehr fordert Pühringer nun eine Erklärung über die konkrete Verteilung der Lehrer. "Wir fordern Bildungsstadtrat Wiederkehr auf, zu erklären, wohin die Ressourcen gehen, wenn sie nicht mal da ankommen, wo sie dringend gebraucht werden. Wiederkehr schöpft finanzielle Unterstützungen für Schulen nicht aus und kürzt beim Lehrpersonal', ärgert sich Pühringer. Aufklärung wollen die Grünen auch darüber, was mit den vom Bund bereitgestellten Mittel geschieht: "Wo sind die zusätzlichen Stunden, welche Schulen bekommen mehr und warum?"

Ein Dorn im Auge sind den Grünen auch die drohenden Kürzungen, vor allem auch im Inklusions- und Integrationsbereich. "Viele Schulen wissen nicht mehr, wie sie ihre reformpädagogischen Projekte weiterführen sollen". Die Direktoren seien verzweifelt und müssten teils Lehrerstunden kürzen und Projekte aufgeben. Auch in sogenannten "Brennpunktschulen" sei das der Fall, so die Grünen.

"Chancenindex wird katastrophal umgesetzt"

Aus Sicht der Grünen werde der Chancenindex, auf den auch Wiederkehr selbst großen Wert legt, schlecht realisiert: "An sich ist der Chancenindex ein gutes Konzept, das aber derzeit katastrophal umgesetzt wird. Der Chancenindex hat zum Ziel, dass jene Schulen, die besonderen Bedarf haben, mehr Mittel bekommen. Konkret sind für Wien 130 Planstellen für Lehrerinnen und Lehrer mehr von Bundesseite vorgesehen", so Pühringer.

Dennoch sei ihr keine Schule bekannt, die auf Grund des Sozialindex tatsächlich mehr Stunden bekommen habe. Auch sogenannte "Brennpunktschulen" (also Schulen mit einem hohen Anteil von Kindern aus sozial schwachen und bildungsfernen Elternhäusern) hätten im kommenden Schuljahr weniger Stunden und Lehrer als heuer. Auch seien die Daten, auf denen der Chancenindex basiere, aus dem Jahr 2016 und damit veraltet. Dadurch würden viele neue Schulen gar nicht erst berücksichtigt.

Grüne sehen Schulen mit kleinen Klassen benachteiligt

Durch die neu eingeführten Basiskontingente berechnet sich die Zahl der Lehrer basierend auf der Zahl der Schüler. Das hier die Anzahl von Kindern und Jugendlichen über die Anzahl der Klassen gestellt werde, führe zu einer Benachteiligung von Schulen mit kleinen Klassen. "Das macht die individuelle Förderung für alle Kinder, speziell für Intergrations-Kinder schwieriger", so die Grünen.

In Schulen, die nun angeblich besser dastehen, würden die Mittel so drastisch gekürzt, dass diese Standorte ihre reformpädagogischen Projekte nicht weiter anbieten könnten. Das seien zum Beispiel verschränkte Ganztagsschulen, kleinere Gruppen, individuelle Förderung und Mehrstufenklassen. "2018 forderte Wiederkehr die Stadtregierung noch auf, auch künftig die notwendige Finanzierung der Mehrstufenklassen sicherzustellen. Jetzt schafft er mit Hilfe der SPÖ diese de facto ab", ärgert sich die Grüne Stadträtin. 

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