Einen milliardenschweren Fund machten bayrische Zollfahnder in einer Münchner Wohnung. Wie das Nachrichtenmagazin "Focus" am Sonntag berichtete, fanden die Beamten rund 1.500 von den Nazis geraubte Kunstwerke in der Wohnung eines 80-Jährigen. Die Gemälde hatten bisher als verschollen gegolten.
, fanden die Beamten rund 1.500 von den Nazis geraubte Kunstwerke in der Wohnung eines 80-Jährigen. Die Gemälde hatten bisher als verschollen gegolten.
Es wirkt wie aus einem Thriller: In der völlig zugemüllten Wohnung eines 80-jährigen Münchners entdeckten die Fahnder die etwa 1.500 Gemälde von Meistern der klassischen Moderne - darunter Werke von Pablo Picasso, Henri Matisse, Marc Chagall, Emil Nolde, Franz Marc, Max Beckmann oder Max Liebermann. Wie das Nachrichtenmagazin schreibt, sollen die Nationalsozialisten die Werke von jüdischen Sammlern geraubt oder als "entartete" Kunst konfisziert haben. Die zuständige Staatsanwaltschaft Augsburg wollte den Bericht auf dpa-Anfrage am Sonntag weder bestätigen noch dementieren.
80-Jähriger war für Behörden nicht existent
Laut "Focus" hatte der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, der Vater des 80-Jährigen, die Gemälde in den 30er- und 40er-Jahren aufgekauft. Seit mehr als 50 Jahren soll sie der Sohn in seinem Schwabinger Appartement gehortet haben - in verdunkelten, vermüllten Zimmern mit selbstgeschreinerten Regalen.
Im Laufe der Jahre habe er einzelne Bilder verkauft und von dem Erlös gelebt.
Gurlitt ist ein Einzelgänger, dessen Existenz in Deutschland bislang keiner Behörde bekannt war. Er lebte seit über 50 Jahren ohne offiziellem Einkommen oder Versicherung und war für die Behörden daher praktisch unsichtbar. Das Geld aus seinen Verkäufen brachte er persönlich und in bar auf eine Schweizer Bank. Wenige Monate vor der Durchsuchung sei er dem Zoll bei einer Bargeldkontrolle während einer Zugfahrt von der Schweiz nach München aufgefallen. Er hatte 9.000 Euro in Bar bei sich, konnte aber nicht erklären, woher das Geld stammte.
Dem Bericht nach ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Als die Fahnder die Wohnung in einer mehrtägigen Aktion leer räumten und die Bilder abtransportierten, habe der Mann keinen Widerstand geleistet. Nach der Razzia ließ er zumindest ein weiteres Gemälde – ein Bild von Max Beckmann – für 864.000 Euro beim Auktionshaus Lempertz in Köln versteigern.
Fahnder schlugen bereits im Frühjahr 2011 zu
Dem "Focus" zufolge schlugen die Fahnder bereits im Frühjahr 2011 in der Wohnung des Mannes zu. Die beschlagnahmten Gemälde befinden sich dem Bericht zufolge nun in einem Sicherheitstrakt des bayerischen Zolls in Garching bei München. Der Fund war als Geheimsache unter Verschluss gehalten worden, da juristische und diplomatische Verwicklungen um die Eigentumsrechte der Gemälde befürchtet wurden.
Eine Berliner Kunsthistorikerin versuche, die Herkunft und den Wert der Werke zu ermitteln. Das Magazin spricht von rund einer Milliarde Euro. Nach Informationen von befasst sich die Kunsthistorikerin seit anderthalb Jahren mit dem Fall.
Eines der beschlagnahmten Matisse-Gemälde soll dem jüdischen Kunstsammler Paul Rosenberg gehört haben, dem Großvater der französischen Journalistin Anne Sinclair. Sinclair, die seit Jahren um die Rückgabe der von den Nazis gestohlen Gemälde kämpft, hat laut "Focus" bisher von dem Matisse-Bild nichts gewusst.
Als "entartet" diffamierte das NS-Regime in den 1930er und 1940er Jahren Kunstwerke, deren Ästhetik nicht in das von den Nationalsozialisten propagierte Menschenbild passte. Das galt unter anderem für den Expressionismus, Impressionismus, Dadaismus, Surrealismus oder Kubismus.
Ursprünglich stammt der Begriff "entartet" aus der Rassenlehre der Nazis - in der Euthanasie-Bewegung des Dritten Reiches wurde er für erbkranke und behinderte Menschen verwendet. Die Übertragung der Bedeutung ins kulturelle Leben sollte den angeblich minderwertigen Charakter moderner "Verfallskunst" anprangern. Betroffen waren in erster Linie Vertreter des deutschen Expressionismus, deren abstrakte, kontrastreiche und oft fratzenhafte Darstellungen vom NS-Idealbild des "starken" Menschen abwichen.
Ins Visier der faschistischen Kulturwächter geriet zum Beispiel die Dresdner Künstlergemeinschaft "Die Brücke" mit Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Emil Nolde. Auch die Neue Sachlichkeit von Otto Dix und die Bauhaus-Schule aus der Zeit der Weimarer Republik erregten den Unmut der Nazis. 1938 wurde ein Gesetz zur Enteignung von Museen erlassen, die die Entfernung solcher Werke verweigerten. Die Künstler wurden mit Mal- und Ausstellungsverboten unterdrückt, viele kamen ins Gefängnis oder Konzentrationslager.