"Neoverse": Solider Deck-Builder hinter knappen Outfits

Die offensive Aufmachung mit knapper Kleidung täuscht: Hinter der Fassade von "Neoverse" verbirgt sich ein Deck-Builder, der das nicht nötig hätte.

Startet man "Neoverse", das bereits für Xbox One/PC erhältlich war und nun neu für die Nintendo Switch erschien, findet man sich zuerst einmal in einer seichten Handlung um Zeitreisen, Multiversen und Bösewichte, aber auch inmitten von knapp bekleideten Frauen wieder, die von der Kamera oft bevorzugt in Gesäß- oder Oberweiten-Ansicht präsentiert werden. Schade, denn was einige Gamer schon deshalb abschrecken könnte, ist eigentlich nur eine Fassade, die das Spiel gar nicht nötig hätte. Das zeigt sich aber erst, nachdem man den Auftakt hinter sich hat.

Im vom Entwickler Tinogames umgesetzten "Neoverse" steckt ein großartiger Deck-Builder mit Roguelite-Elementen, der an das ebenso fantastische "Slay the Spire" erinnert. Hat man einen von drei Charakteren – eine Agentin im hautengen Latex-Look, ein weiblicher Paladin mit Oberschenkel-freier Rüstung im Strapse-Outfit und eine in einen Hauch von Nichts eingehüllte Beschwörerin – gewählt, kann es auch schon mit dem Spiel und der Rettung des gesamten Menschheit losgehen. Über 70 Monster bedrohen nämlich den Spieler und alle Universen gleichtzeitig.

Viele verschiedene Spielstile

Hinter der Aufmachung – manche würden es billig nennen – steckt aber ein äußerst interessantes und abwechslungsreiches Spiel. Um sich ein eigenes Kämpfer-Deck zusammenzustellen, können 300 sehr unterschiedliche Karten freigeschaltet werden, auch die taktische Komponente kommt mit mehr als 100 verschiedenen Fähigkeiten für unsere Helden nicht zu kurz. Jeder der drei Hauptcharaktere unterstützt dabei einen anderen Spielstil, vom direkten Angreifer bis hin zum Effekt-Nutzer. Für jeden Charakter stehen zudem eine Handvoll verschiedener Deck-Typen zum Start zur Verfügung.

Die Kampagne des Spiels besteht dann daraus, sich durch rund 15 Wellen von Feinden zu kämpfen, wobei man nach jeweils fünf Wellen auf einen stärkeren Boss-Gegner trifft. Nach dem Abschluss kommt das Roguelite-Gameplay zu tragen: Man schaltet Karten und Fähigkeiten frei, stattet sich mit neuen Kostümen auf und startet den nun schweren Durchlauf erneut. Das mag langweilig klingen, entwickelt aber vor allem durch das Deck-Building Spannung. Hier kann man sich entweder voll auf Elemente wie Radioaktivität stürzen und daraus ein Deck bauen, oder man mischt die verschiedenen Karten möglichst ausgeglichen zusammen.

Strategischer Tiefgang

Gekämpft wird, grafisch ähnlich älteren "Final Fantasy"-Titeln, mit den Feinden, die sich gegenüberstehen, und rundherum von Anzeigen wie Lebensenergie-, Aktions- und Kartenpunkten eingerahmt sind. Das Prinzip ist allerdings einfach: Der Spieler kann je nach vorhandener Punktzahl und dem Wert der eigenen Deck-Karten Angriffe, Effekte und Unterstützungen ausspielen, bis das Punkte-Konto aufgebraucht ist. Danach ist der Gegner mit seinem Zug dran – und so wechselt das Kampfgeschehen hin und her, bis einer der Kontrahenten keine Lebenspunkte mehr besitzt.

Reicht anfangs ein simples und schnelles Ausspielen der Karten, müssen gegen Ende der Wellen sowohl die vorhandenen Karten, als auch die jeweiligen Fähigkeiten der Heldin perfekt aufeinander abgestimmt sein, um eine Chance gegen die immer anspruchsvolleren Feinde zu haben. So kann eine Heldin zwar schnell und günstig Effekte auslösen, muss dann aber lange warten, bis diese ihre Gift- oder Radioaktivitäts-Wirkung am Feind zeigen. Eine andere kann dafür zahlreiche Monster zur Unterstützung beschwören, ist aber umso ungeschützter, solange diese noch nicht auf dem Schlachtfeld sind.

Ein knackschweres Abenteuer

Ein Suchtfaktor ergibt sich auch dadurch, dass man nie mit denselben Karten, die pro Runde neu gemischt werden, startet. Das erfordert genug Grips, um sich verschiedene Strategien für das eigene Deck auszudenken. Ein, zwei Karten hier getauscht, drei, vier Karten dort hinzugefügt – und schon wieder ist eine Spielstunde vergangen, ohne dass man es gemerkt hat. Dafür sorgt auch der sehr hohe Schwierigkeitsgrad und die steile Lernkurve des Spiels. Zudem knifflig: Heilung in Kämpfen ist nur schwer möglich, denn die Items dafür müssen in einem Shop mit Ingame-Währung gekauft werden und werden zudem per Zufall verteilt.

Besonders herausfordernd wird es, wenn Feinde zwischendurch Karten in das Spielerdeck schummeln, die das Angreifen oder Verteidigen verhindern – so wird das strategische Denken und die Zusammensetzung des eigenen Decks laufend auf die Probe gestellt. Was etwas ärgert: Wer Echtgeld in Kostüm-Pakete investiert, bekommt auch gleich einige Items mit, die den Spielstart sehr viel einfacher machen. Aber immerhin: Ein Spieltod bedeutet nicht einen kompletten Neustart. Auch hier kann man gesammelte Items einsetzen, um mit einem Extraleben weiterzuspielen.

Ein Titel, der überrascht

Abgerundet wird "Neoverse" von Elementen wie täglichen Herausforderungen und zusätzlichen Modis, die eigene Karten- und Spielregeln vorstellen. Videosequenzen bietet das Spiel leider nur wenige und die Sprachausgabe beschränkt sich auf gelegentliches Seufzen, Stöhnen und Keuchen der Heldinnen. Die Hintergrundmusik schwillt von zeit zu Zeit je nach Kampfgeschehen an, insgesamt bleibt sie aber meist dezent und begleitet das Geschehen harmonisch. Etwas mehr Abwechslung wäre dafür bei den Soundeffekten wünschenswert gewesen, die nicht mehr als typische Zisch- und Pieplaute sind.

"Neoverse" geht zwar mit nackter Haut und engen Outfits in die Offensive, versteckt dahinter aber ein strategisch tiefgehendes und sehr ansprechendes Deck-Building, das auch nach zahlreichen Stunden auf der Switch noch Spaß macht. Im Gegensatz zur PC-Version sind zwar einige Anzeigen in den Kämpfen nur schwer erkennbar und auch der hohe Schwierigkeitsgrad überrascht, dennoch sind die Mechaniken immer fair und motivieren dazu, das Spieldeck immer weiter zu optimieren. Wer Deck-Building und Roguelite-Games mag, kann bei "Neoverse" letztlich durchaus zugreifen.

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