Politik

"Nichts undenkbar" – Strom-Experte macht Schock-Ansage

Ex-Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber gibt einen Einblick in die Stromgeschäfte und stellt klar: "Die Decke bei den Preisen ist noch nicht erreicht".
André Wilding
31.08.2022, 21:26
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Wolfgang Anzengruber, der bis zum Jahr 2020 Verbund-Generaldirektor war und seit kurzem auch energie-politischer Berater von Bundespräsident Alexander Van der Bellen ist, äußerte sich am Mittwoch im Ö1-Morgenjournal zur Finanz-Lage der Wien Energie und ließ dabei mit seinen Aussagen aufhorchen. Das Ausmaß des Finanzierungsbedarfs des Energieversorgers habe den Kenner des Energiemarktes nämlich nicht wirklich gewundert.

"Grundsätzlich hat er mich nicht so sehr überrascht, denn das ist eine Folgewirkung der Börsenausschläge, die wir derzeit auf dem Strommarkt sehen. Es ist eine logische Konsequenz, die natürlich eintritt, wenn man an der Strombörse in Leipzig Geschäfte tätigt", so Anzengruber. Er könne die Höhe, worauf diese baue, aber "nicht nachvollziehen", aber das es zu solchen Höhen komme, sei "nicht ganz unlogisch" gewesen.

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Doch hat die Wien Energie bei den Strom- bzw. Termingeschäften ein zu hohes Risiko genommen? Laut Anzengruber gebe es zwei Möglichkeiten Strom zu verkaufen bzw. auch zu kaufen. "Hier handelt es sich ganz offensichtlich um ein Verkaufsgeschäft", so der Experte. Große Unternehmungen – wie etwa Wien Energie – seien dazu angehalten, ihre Stromgeschäfte teilweise an der Börse und einen anderen Teil über bilaterale Geschäfte durchzuführen.

"Unerwartete Ausschläge"

Auf die Frage, ob Wien Energie früher die Notbremse ziehen hätte müssen, erklärte Anzengruber: "Der Strommarkt zeigt derzeit Ausschläge, die vor wenigen Monaten noch keiner erwartet hat." Innerhalb eines Tages seien die Strompreise in den Future-Notierungen über 60 Prozent angestiegen seien. "Es waren vielleicht auch Seitens der Wien Energie unerwartete Ausschläge, die einen erhöhten Sicherungs- bzw. Hinterlegungsbedarf nach sich gezogen haben."

Aber war die Entwicklung wirklich nicht vorhersehbar oder hat der Energieversorger etwas verschlafen? "Ich gehe davon aus, dass dort (Anm. Wien Energie) ein profundes Risikomanagement vorhanden ist, gar keine Frage! Dass der Strommarkt 1.000 Euro die Megawattstunde überschreiten wird, war vor einigen Monaten noch völlig undenkbar. Mittlerweile ist aber nichts mehr undenkbar", stellt der Experte fest.

Ex-Verbundchef Wolfgang Anzengruber
Tobias Steinmaurer / picturedesk.com

"Ich bin auch nicht so überzeugt davon, dass das die Spitze war, die wir gesehen haben. Wir merken es ja auch an den einzelnen Preise, die die Kunden damit realisieren müssen. Hier kommt es teilweise wirklich zu verrückten Entwicklungen, die man einschätzen muss, aber die natürlich auch Überraschungen bieten", erklärt Anzengruber am Mittwoch gegenüber dem Ö1-Morgenjournal. Auf ein Versagen der Politik sei die Entwicklung jedenfalls nicht zurückzuführen. Man sehe einfach auf den Strommärkten Entwicklungen, die vor einiger Zeit noch undenkbar gewesen seien.

"Müssen uns auf andere Preissituationen einstellen"

Es sei aber auf Basis dieser Vorkommnisse notwendig, dass "wir uns auf ganz andere Preissituationen- und Ausschläge einstellen müssen und damit auch die Liquiditätspotenziale entsprechend nachbilden müssen. Das ist ein Ruf an viele, die hier tätig sind. Es ist jetzt Dingen möglich, die man noch vor einiger Zeit noch als unmöglich gehalten hat", so Anzengruber weiter.

Doch müssen sich nun Kunden eigentlich Sorgen machen und wie sieht es mit der Versorgungssicherheit aus? Laut dem Experten habe das mit Versorgungssicherheit nichts zu tun, denn hier gehe es um ein finanzielles Prozedere. Man sehe aber durchaus Preisentwicklungen, die man vor geraumer Zeit noch als unmöglich gehalten hätte.

Gerade in den letzten Wochen und Monaten habe man die Preiserhöhungen bei den Kunden gesehen bzw. registrieren müssen. "Und ich befürchte, dass hier auch noch nicht das Ende der Decke erreicht wurde, sondern dass wir hier noch weitere Entwicklungen nach oben sehen, die den Strompreis und damit auch die Kunden betreffen werden."