"NieR Replicant" im Test: Mehr Neuauflage als Remaster

Das Action-Game "Nier" aus dem Jahr 2010 hat ein Remaster bekommen. Hinter "Nier Replicant" steckt aber noch weit mehr Großartiges, als erwartet.

Wer noch nie mit der "Nier"-Serie zu tun hatte, könnte etwas verwirrt sein. Denn das originale "Nier", das 2010 erschien, trug den Beinamen "Gestalt" in der Xbox-360-Version und "Replicant" in der Playstation-3-Version. Keine Sorgen, inhaltlich glichen sich die Versionen außerhalb Japans, innerhalb des Landes verfügte "Replicant" über ans Publikum angepasste Charaktere und Passagen. Bekannt wurde hierzulande aber vor allem der fantastische Nachfolger "Nier: Automata" im Jahr 2017.

Offiziell heißt das Remaster des Originals nun "NieR Replicant ver.1.22474487139…" und es basiert nun auf der einst als Japan-exklusiv angedachten Version des Games. Die Handlung selbst richtet sich dabei an eingefleischte "Nier"-Fans, denn nicht nur kommen Auszüge aus dem Nachfolger "Automata" vor, einige Szenen erinnern Spieler auch an die verwandte "Drakengard"-Serie. Keine Sorge, denn auch Neulinge kommen mit der Handlung trotz fehlendem Vorwissen zurecht.

Beste, was Videospiele zu bieten haben

Aus Spoiler-Gründen nur eine Kurz-Zusammenfassung: Im Jahr 2049 sucht der Kämpfer Nier nach einer Rettung für seine Schwester Yonah (in "Gestalt" waren es Vater und Tochter) und macht deshalb einen Deal mit dem Einsatz seiner Seele. Auch über 1.000 Jahre später wird Nier noch von schattenhaften Kreaturen heimgesucht, lernt die nur Unterwäsche tragende Kaine kennen und kommt nach langer Zeit einer Heilung immer näher. Klingt alles platt, hat aber unglaublichen Tiefgang und  viel Emotion, wenn man sich darauf einlässt. Auch deswegen, weil "Replicant" nur langsam in die Gänge kommt und erst nach einigen Standard-Besorgungen für eine Dorfgemeinschaft bei Gameplay und Handlung in die Gänge kommt.

Neu sind in der Remaster-Version vollkommen vertonte Dialoge (englisch, mit deutschen Untertiteln), die die ohnehin schon großartige Story noch ein Stück authentischer machen. Unterlegt wird dies von einem teils neuen Soundtrack, der einerseits neue Lieder ins Spiel bringt, andererseits bekannte Melodien mit neuen Passagen oder kompletten Überarbeitungen zeigt. Dialoge, Handlung, Musik und Charaktere von "Nier Replicant" – sie alle gehören zum Besten, das die Videospielwelt überhaupt zu bieten hat. Welches Spiel sonst nimmt so ernsthaft leichtbekleidete Damen oder Grind-Aufgaben mit seinen bissigen Dialogen auf die Schippe?

Was immer zum Weiterspielen animiert

So gewaltig die Handlung ausgefallen ist, so gewaltig ist auch die Spielzeit – wenn man alles in "Nier Replicant" sehen will. Dazu muss man rund 150 Spielstunden einrechnen, wobei man nach gut 30 bis 40 am Ende angelangt ist. Zumindest an einem der Enden, den derer bietet das Spiel gleich mehrere. Was danach zum Weiterspielen animiert: Nicht nur die Enden unterscheiden sich, auch die Charaktere bekommen mit neuen Durchgängen einige neue Hintergrundgeschichten und Videosequenzen.

Grafisch hat sich in der neuen Version ebenso viel, wenn auch nicht an allen Stellen, getan. Animationen wirken nun superflüssig und natürlich, die Charaktere zudem scharf wie aus einem modernen Anime-Film. Die Spielwelt zeigt außerdem neue und schön anzusehende Spiegelungen und Lichtreflektionen, einiges fehlt aber weiterhin. Dazu zählt vor allem, dass die Gesichter weiter wie eingefroren wirken, die Spielwelt teils sehr leer und ohne Bewegungen auftritt und Hintergründe grob wirken. Lebensleiste und Komboanzeige in der oberen rechten Bildschirmecke wirken wiederum wie veraltete Fremdkörper.

Schnellerer und flüssigerer Kampf

Auch beim Gameplay gibt es Neuerungen, die sich vor allem um die Kämpfe drehen. In der vermeintlich offenen Spielwelt (jeder Areal-Wechsel hat Ladezeiten zur Folge) können Zocker bekanntlich in Third-Person-Perspektive so gut wie alles frei erkunden und sich durch mehr oder minder große Dungeons kämpfen. Zwar wirft uns die Handlung Mission um Mission vor die Beine, zu einem hohen Grad kann man aber selbst bestimmen, was man wann erledigt. Im Kampf nutzt man Nahkampfwaffen und Magie, um die meist Horden-weise auftrenden Feinde und gigantische Bosse zu attackieren, wobei das Ziel ist, möglichst lange Komboketten herzustellen. Garniert wird die mit Mini-Games wie Plattformer-Passagen oder Nebenaufgaben wie Pflanzenaufzucht und Fischerei.

Neu ist nun ein viel flüssigerer und schnellerer, teils auch automatischer Kampf, der trotzdem auch für Anfänger leicht zu lernen ist. Gegner können nun genauer anvisiert sowie Nahkampf- und Magie-Attacken gleichzeitig ausgelöst werden. Dazu kommen mehr Kombo-Kombinationen und eine etwas übersichtlichere Kameraführung. Schade allerdings, dass das Spiel einem treu bleibt: Gegner treten abseits der Bosse meist in immer gleicher Schattenform auf, unterscheiden sich dabei oft nur bei der Größe. Schade, da wäre wirklich noch mehr drinnen gewesen. Zumindest: Auch ganz neue Missionen finden sich, manch nervige Sammelaufgabe von Zufalls-Items bleibt einem aber auch hier nicht erspart.

Selbst eintönigste Aufgaben superspannend

Was das Remaster und das Original gemeinsam haben und beide Games so großartig macht, ist aber Folgendes: Selbst die sinnlos erscheinendsten Quests sind mit Story-Wendungen und Handluns-Splittern gespickt, die sie auch noch nach dem x-ten Durchgang wahnsinnig interessant machen. Kaum ein Spiel kann das besser, weshalb auch das Fehlen einer Schnellreise nicht wirklich ins Gewicht fällt. Stattdessen entdeckt man am Weg zu einer Aufgabe Dutzende kleine Ablenkungen, bei denen man für einen etwas eintönigen Aufwand mit tollen Geschichten oder gar einigen Videosequenzen belohnt wird.

Auch, dass das Game Experten sowie Neulinge gleich gut bedienen will, gefällt. Zusätzlich zu den drei Schwierigkeitsgraden gibt es mehrere Möglichkeiten: Während sich Kenner mit wenigen Items und ohne Gesundheits-Anzeigen in die Effekt-Gewitter stürzen kann, die man sich übrigens alleine wegen ihrer übersprudelnden Action auch nach Dutzenden Stunden noch weiter reinziehen will, können sich Anfänger genug Ressourcen zusammensparen, um es sich einfacher zu machen und durch die Lebensbalken auch einen Überblick bekommen, wie es um den Erfolg in einer Schlacht steht. Dazu lassen sich auch durch Fundgegenstände Ausrüstung und Effekte aufleveln.

Eines der besten Remakes aller Zeiten

"Nier Replicant" ist weder grafisch noch spielerisch ein Game, das mit neu erscheinenden Blockbustern mithalten kann. Dennoch ist es eines der besten Remaster aller Zeiten. Der Grafik-Sprung im Vergleich zum Original ist gewaltig, das Gameplay hat sich unfassbar flüssig gemausert und vor allem bei Kämpfen gibt es einige neue Kniffe, die für Langzeitspaß sorgen. Wer der Nachfolger "Nier: Automata" gezockt hat und wem das Erlebte gefallen hat, für den ist die neue Version von "Nier" namens "Replicant" einfach ein Muss.

Wer dagegen noch gar keinen Kontakt mit "Nier" hatte, der sollte das trotz der genannten Kritikpunkte schleunigst nachholen! Nur ganz, ganz wenige Spiele verfügen über die Gabe, jede kleinste Mission zu einem Spektakel zu machen und Kämpfe so dermaßen bombastisch zu inszenieren. Dazu kommen noch tiefgründige und glaubhafte Dialoge, eine komplexe und trotzdem kurzweilige Handlung, einer (wenn nicht der) besten Soundtracks der Game-Geschichte und Charaktere, die einem wohl für immer in Erinnerung bleiben. Letztlich sind die Fortschritte im vergleich zum Original gar so groß, dass hier eher von einer Neuauflage denn von einem Remaster gespcorhn werden muss.

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