Nun kommt erste Schweizer Schoki aus dem Labor

Forschern ist es erstmals gelungen, Kakao-Zellkulturen zu vermehren und daraus Schokolade herzustellen. Sie soll bald im Handel erhältlich sein.

Die Zukunft der Lebensmittel kommt aus dem Tank. Das sagt Thilo Hühn. Er ist Professor am Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation an der ZHAW in Wädenswil (Kanton Zürich). Mit "Tank" meint er die Geräte im Labor. Dort hat er zusammen mit der Professorin Regina Eibl vom Institut für Biotechnologie die erste Schokolade aus Zellkulturen hergestellt.

Die alternativ erzeugte Schokolade aus der ZHAW sieht aus wie eine gewöhnliche Milchschokolade. Die Forschenden waren erstaunt, wie intensiv sie schmeckte. Nach Zitronen und Beeren, hielt das Sensorik-Panel der Hochschule fest. "Ein besonderes Geschmackserlebnis", sagte Hühn zu "20 Minuten".

Schon seit Jahren werden an der ZHAW Zellkulturen von Pflanzen oder Tieren in Bioreaktoren vermehrt. "Diese Technologie gibt es im Pharma-Bereich schon viel länger", erklärte Regine Eibl gegenüber "20 Minuten". Zum Beispiel wird sie bei der Herstellung von Impfstoffen und auch bei Kosmetikprodukten verwendet.

Es gibt praktisch keine Zellen, die im Bioreaktor nicht wachsen, sagt Regine Eibl. In der Lebensmittelforschung wird zur Zeit auch am Fleisch aus dem Labor getüftelt. Doch den In-Vitro-Burger aus Fettzellen und Muskelfaserzellen herzustellen ist schwieriger als die Arbeit mit Pflanzenkulturen, sagt sie: "Die roten Zellkulturen, die für Fleisch vermehrt und differenziert werden müssen, sind eine große Herausforderung." Ein weiteres Projekt, an dem in der Forschung momentan gearbeitet werde, sind Milchproteine. So könnte analog zum In-Vitro-Burger im Labor Käse und andere Milchprodukte wie Glace aus nicht tierischen Milchproteinen hergestellt werden.

Nun wird die Vermehrung von Zellkulturen im Labor auch in der Lebensmittelindustrie eine immer größere Rolle spielen. Ursprünglich war nicht geplant, selber Schokoladentafeln herzustellen, sagt Eibl. Die Kakaozellkulturen waren Teil der Forschung. Doch als die Forscherin festgestellt hat, dass sie im Labor so gut gedeihen, wurde beschlossen, eine Schokolade zu produzieren.

Zellen von Kakaofrüchten vermehrt

Für die Schokolade der ZHAW wurden die Zellen von Kakaofrüchten aus Puerto Rico in einem mehrstufigen Verfahren vermehrt. Es dauerte länger als ein halbes Jahr, bis die Schokolade fertig war. 

 Mit Zellkulturen, welche die Forscher angelegt haben, könne man nun beliebig viele Schokoladen produzieren, ohne auf Früchte aus der Natur zurückgreifen zu müssen.

Ist der Erfolg im Labor eine Bedrohung für die Kakaobauern? "Die Bauern wird es weiterhin brauchen", sagt Tilo Hühn. "Wir sehen unsere Forschung als Ergänzung." Die Schokolade aus dem Labor habe jedoch den Vorteil, dass sie Probleme bei der herkömmlichen Schokoladenproduktion wie Überbeanspruchung des Bodens und ausbeuterische Arbeitsbedingungen vermeiden könne.

"Doch wir wollen weder die Landwirtschaft noch die traditionelle Schokolade verdrängen", sagt Hühn. "Aber eine vernünftige Kombination von Kulturpraktiken ist notwendig."

Eine Schokolade für das Hochpreissegment

Momentan ist die Labor-Schoggi noch ein Forschungsobjekt. Ein seltenes dazu: Erst zwölf Tafeln wurden bisher produziert. Doch die Schokolade soll in etwa zwei Jahren in den Läden verkauft werden können. Jetzt arbeiten die Forscherinnen und Forscher daran, den Produktionsprozess auf große Bioreaktoren zu übertragen.

Wer die Labor-Schokolade probieren will, muss sich das vermutlich etwas kosten lassen. "Wir haben uns vorgenommen, konkurrenzfähig zu werden", sagt Tilo Hühn. Doch billig wird die Labor-Schoki nicht. 

 "Die 100-Gramm-Tafel wird am Anfang sicher weit über zehn Franken kosten." Umgerechnet in Euro wären das etwa neun Euro pro Tafel Labor-Schokolade.

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