Oberrabiner: "Sich selbst nicht so ernst nehmen"

Oberrabiner Paul Eisenberg genießt nicht nur in der jüdischen Gemeinde Kultstatus. Mit „Heute" sprach er über sein neues Buch und den Antisemitismus.

33 Jahre lang war Paul Chaim Eisenberg (67) Obberrabiner der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, seit 2016 ist er Österreichs Oberrabiner und in "Halbpension". In seiner raren Freizeit hat Rabbiner Eisenberg ein neues Buch geschrieben. "Auf das Leben!" (erschienen im Brandstätter Verlag) handelt von Witz und Weiheit eines Oberrabiners. "Heute" traf den sechsfachen Vater und 26-fachen Großvater zum Interview.

"Heute": Ein Kapitel in Ihrem neuen Buch heißt "Prioritäten". Sie schreiben über einen ausverkauften Galaabend gemeinsam mir Kardinal Schönborn im Burgtheater, wo sie Ihren Auftritt 24 Stunden vorher abgesagt haben, weil sie bei einem Begräbnis gebraucht wurden. Was soll im Leben immer Priorität haben?

Paul Chaim Eisenberg: Menschlichkeit und Toleranz. Es ist heute in vielen Religionen so, dass Menschen im Namen der Religion fürchterliche Dinge tun – bis hin zu Terroranschlägen. Ich will ein Gegengewicht dazu. Wir haben als Priorität im Judentum, möglichst viele Gebote einzuhalten. Aber: Wenn es um Gesundheit oder Lebensgefahr geht wird sofort jedes Verbot zur Seite geschoben. Deshalb heißt auch mein Buch "Auf das Leben!" – denn das Leben hat Priorität.

Paul Chaim Eisenberg mit seinem neuesten Werk "Auf das Leben!"

"Heute": Sie schreiben auch über "den guten Menschen". Was ist ein guter Mensch?

Eisenberg: Ein guter Mensch schaut, dass es den anderen gut geht. Daraus ergibt sich oft, dass die anderen Menschen auch gut zu einem selbst sind. Wenn jemand nur auf seine Vorteile aus ist, wird er wahrscheinlich Nachteile daraus ziehen.



"Heute": Würde mehr Humor die Gesellschaft besser machen?

Eisenberg: Eines weiß ich: Man sollte sich selbst nicht so ernst nehmen!

„Heute": In Burschenschaften wurde die Vergasung einer „siebten Million" Juden besungen – wie sehen Sie diese Enthüllungen?

Eisenberg: Da vergeht mir das Lachen.

"Heute": Warum ist der Antisemitismus noch immer so präsent?

Eisenberg: Ich kann es mir nicht erklären, auch wenn ich viel darüber nachdenke.

"Heute": Wie erklärt man einem jüdischen Kind, dass es Hass und Abneigung gegen es gibt?

Eisenberg: Einem Kind ist das schwer zu erklären. Man braucht schon einen guten Magen und eine Hartnäckigkeit. Nach der Shoah dachte ich mir, dass es nie wieder zu Antisemitismus kommt, so wie manche Menschen nach dem zweiten Weltkrieg dachten, es wird nie wieder Kriege geben.

"Heute": Kann man bedenkenlos in Wien mit Kippa auf der Straße gehen oder raten Sie davon ab?

Eisenberg: Ich rate das nicht, aber ich glaube, es ist nicht gefährlich.

An diesem Computer schrieb Paul Chaim Eisenberg sein Buch.

"Heute": Hören Sie von antisemitischen Vorfällen? Häuft sich das?

Eisenberg: Ja, die Zahlen sind schon gestiegen.



"Heute": In ihrem Buch geht es auch um Flüchtlinge. Sollen Flüchtlinge in Österreich bleiben dürfen?

Eisenberg: Wir wollen doch unterscheiden: Flüchtlinge, die um ihr Leben bangen, muss man versuchen zu behalten. Dass wir ganz Afrika in Österreich aufnehmen können, das geht natürlich nicht. Das ist meiner Meinung nach weniger eine ideologische Frage sondern eine Frage der Machbarkeit.

"Heute": Die Israelitische Kultusgemeinde in Wien hat viel Erfahrung mit Integration, viele Juden sind aus der ehemaligen Sowjetunion und Kleinasien gekommen. Wie geht Integration?

Eisenberg: Das Wichtigste ist, dass man einem Zuwanderer nicht schon an der Grenze eine Lederhose anzieht und ihm Jodeln lernt. Man muss Menschen ein wenig auch ihre Kultur beibelassen.

"Heute": Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Rabbiner und einem Oberrabbiner?



Eisenberg: Ein Rabbiner muss die Regeln der Gebote und wie man diese einhält gut kennen, der Oberrabbiner kennt auch die Ausnahmen.

"Heute": Sie beraten Menschen in allen Lebenslagen – fragen Sie auch Menschen um Rat, die anderen Religionen angehören?

Eisenberg: Mich hat einmal ein Mann angerufen wegen einer Ehekrise. Ich kannte seinen Namen nicht und fragte, ob er Mitglied der Gemeinde ist. Er verneinte, sagte, er ist Katholik. Ich bat ihn, seinen Pfarrer anzurufen. Seine Antwort: "Der ist ja nicht verheiratet und hat keine Ahnung von Eheproblemen" - deshalb kommt er lieber zu mir.

"Heute": Was haben Sie in ihrem bisherigen Leben verpasst?

Eisenberg: Woodstock 1969. Ich war in der Nähe, hatte aber keine Ahnung was das ist. Freunde sagten, es ist ein Folkfestival und da nahm ich an, es geht um Pferde und Cowboys. Also fuhr ich nicht hin. Schade.

"Heute": Wird es irgendwann Frieden auf der Welt geben?

Eisenberg: Es gab einmal einen alten Juden der in Pension gegangen ist und sich etwas dazuverdienen musste. Er bekam einen Job, er sollte auf der Stadtmauer in einem alten Häuschen Ausschau halten, ob der Messias kommt, um seine Ankunft der Gemeinde zu melden. Man fragte ihn, ob das wirklich ein guter Job ist. Der alte Mann sagte: Gut vielleicht nicht, aber langfristig" (isa)

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